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(93) Vorbild für Limburg

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Montag, 14. Mai 2018: Villavante – Astorga (22,0 km)

Trotz der 23 Mitpilger im Schlafraum mit verriegelten Fenstern habe ich einigermaßen gut geschlafen. Zum Glück hatte ich gestern Abend schon festgestellt, dass die Heizungen an waren. Sie konnten zentral abgeschaltet werden. Die ersten Frühpilger sind bereits vor sechst gestartet, gaben den Raum aber erstaunlich leise verlassen. Ich bin um sieben Uhr einer der Letzten, die die Herberge ohne Frühstück verlassen. Offensichtlich sind die Betreiber nicht daran interessiert, nach 20 beziehungsweise vor acht Uhr Geschäfte zu machen.

Es verspricht ein guter Tag zu werden, auch mit weniger Wind als gestern. Bereits nach wenigen Kilometern über Feldwege erreiche ich Hospital del Órbigo. Auf der langen Brücke über den Río Órbigo soll der leónesische Ritter Suero de Quiñones im heiligen Jahr 300 pilgernde Ritter zum Zweikampf herausgefordert haben. Es heißt, er habe alle Kämpfe gewonnen und sei anschließend mit den Gegnern nach Santiago gepilgert. Heute finden unweit der Flussquerung wieder Ritterspiele statt, um an das Ereignis zu erinnern.

Außer einem Restaurant in einem Hotel sehe ich hier nichts, wo ich frühstücken könnte. Also gehe ich weiter bis Villares del Órbigo, wo ich zwei Café con leche und ein Napolitana genieße. Als ich die Bar verlasse, ziehen am Horizont bereits dunkle Wolken auf, wenig später nieselt es ganz leicht. Ich ziehe nur den Regenschutz über den Rucksack, des Cape bleibt noch verpackt. Auf ockerfarbenen und teilweise steinigen, breiten Wegen führt der Jakobsweg jetzt leicht bergauf und bergab zwischen Ackerflächen nach Westen. Ab und zu ist auch mal eine Rebfläche zu erblicken.

Mein Weg führt mich kurz vor Astorga zur „La Casa de Los Dioses“, dem Haus der Götter. Hier versorgt David auf Spendenbasis seit Jahren liebevoll die Pilger mit Obst, Snacks, Kaffee und anderen Getränken. Auf dem Weg in die Bischofsstadt mit ihrer Kathedrale und dem fast noch berühmteren Bischofspalast fängt es an zu regnen. Schließlich bleibt mir nichts anderes übrig, als doch das Cape überzuziehen. Noch vor dem Erreichen der auf einem Hügel thronenden Stadt scheint aber wieder die Sonne, und ich kann das rote Monster wieder abstreifen.

Oben in der Stadt angekommen stoße ich auf die Überreste römischer Bauten. Hier endete die Römerstraße, welche von Bordeaux durch das nördliche Spanien verlief und immer wieder ein Teil des Jakobsweges war. Der ehemalige Bischof von Limburg, Tebartz van Elst, hätte sich hier ein Beispiel nehmen können und für seinen Palast beim Limburger Dom gleich einen Stararchitekten von Weltruhm engagieren sollen. Das hätte ihn vielleicht nicht in Amt und Würden gehalten, aber eventuell kämen in 100 Jahren die Menschen auch in die Stadt an der Lahn, um den dortigen Bischofspalast zu besichtigen.

Ich nehme den Bus nach León, checke in einem kleinen Hotel ein und hole später Hermine vom Flughafen ab. Der Flieger ist pünktlich, und schon bald kann ich sie in meine Arme schließen. Als das Gepäckband stehen bleibt, ist es klar: Es hat auch sie erwischt! Der Rucksack ist irgendwo auf dem Weg zwischen Stuttgart und hier verschollen. Der nächste Flieger aus Barcelona, wo Hermine umgestiegen ist, kommt erst übermorgen. Nachdem die Verlustmeldung gemacht ist, bleibt sie erstaunlich gelassen und wir fahren in die Stadt. So geht Reisen ohne Ballast. Den Abend verbringen wir gemeinsam in dieser herrlichen Stadt voller Lebensfreude.

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