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(91) Schlaflos in León

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Pilgeralltag, Projekt, Tagebuch
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Samstag, 12. Mai 2018: León (Pausentag)

Ich bin nassgeschwitzt: Es ist zwei Uhr und ich bekomme kaum Luft. Wir sind noch immer nur drei Personen in einem Raum, der einer Sauna näher kommt als einem Schlafzimmer. Als ich die Ohrstöpsel herausnehme, höre ich die Klimaanlage rauschen. Ich klettere aus meinem Bett, um deren Einstellungen zu prüfen: 18 Grad, Klima, kleine Gebläsestufe. Das Thermometer aber zeigt 30 Grad, und die Anlage heizt – es ist kaum auszuhalten! Ich schalte das Ding ab. Das Fenster kann ich nicht öffnen, weil sonst lauter Partylärm ins Zimmer dringen und die Besoffenen eventuell Gegenstände hineinwerfen könnten. Um drei Uhr verlasse ich das Bett und ziehe mich an. Es ist nicht auszuhalten!

Ich streife durch die von betrunkenen und grölenden Menschen bevölkerten Gassen, kaufe mir eine Dose Cola und setze mich vor der Kathedrale auf eine Bank. Mit meinem Handy buche ich für die kommende Nacht eines der letzten verfügbaren Airbnb-Zimmer. Ich will wenigstens heute Nacht richtig schlafen. Bis das erste Café öffnet, sind es jetzt noch über drei Stunden. Es ist unglaublich: Ich habe das Gefühl, als ob alle spanischen Junggesellen den Abschied von ihrem bisherigen Leben hier in León feiern.

Nach einiger Zeit kehre ich zurück ins Hostel und setze mich mit meinem Laptop zum Schreiben in den Gemeinschaftsbereich. Immer wieder kommen lärmende, besoffene und rücksichtslose Gestalten in die Unterkunft. Im Suff (sowie beim Spiel und beim Sex) zeigt sich der wahre Charakter eines Menschen. Irgendwann fallen mir die Augen zu, und ich mache es mir auf zwei Stühlen so bequem wie möglich – naja, nicht wirklich bequem. Um halb sieben laufe ich im Morgengrauen durch die jetzt endlich schlafende Stadt. Nur die Stadtreinigung ist aktiv, und sie hat einiges zu tun. In wenigen Stunden wird vom nächtlichen Chaos mit Plastik- und Pappbechern, Glasscherben, Flaschen und Unmengen anderen Abfalls nichts mehr zu sehen sein.

Im Café frühstücke ich und bleibe hier bis fast neun Uhr. In der Sonne ist es bereits einigermaßen warm, und als ich das Café wechsle, treffe ich auch Linda wieder. Ihre Freundin Michelle hat ihren Camino (geplant) beendet und ist auf dem Heimweg. Wir unterhalten uns über die rücksichtslosen Gestalten auf dem Weg, und es tut gut, mal Dampf ablassen zu können. Irgendwann sagen wir uns aber, dass es jetzt mit dem Meckern und Jammern reicht und widmen uns positiven Themen.

Um die Mittagszeit kehre ich in mein Hostel zurück und lege mich in meine Schlafkoje. Inzwischen ist es nicht mehr so heiß im Zimmer, und gegen das Schnarchen der Rauschausschläfer hilft Ohropax. Ich döse für eine gute Stunde vor mich hin, bis ich vor lauter Gepolter und Gequassel wieder richtig aufwache. Nach dem Mittagessen kann ich um 15 Uhr mein neues Quartier beziehen: Ein Zimmer in einer Airbnb-Wohnung mit drei weiteren Schlafzimmern. Es ist wohltuend ruhig in der Wohnung: Endlich kann ich zwei Stunden richtig schlafen. Das tut gut und weckt die Lebensgeister.

Am Abend habe ich mich mit den beiden Camino-Pärchen Livia und Dominic sowie Eileen und Michael verabredet. Nach einem Aperitif landen wir wieder in der Pizzeria, und Livia bestätigt, dass es sich um sehr gute Pizze handelt. Wir erzählen und lachen viel, verabschieden uns aber gegen halb elf. Alle sind etwas geschafft und müde. Ich bin so dankbar, das Zimmer auf Airbnb gefunden zu haben und freue mich auf meine neue Bleibe und eine ruhige Nacht bei angenehmen Temperaturen.

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