(85) Kerkelingen

  • Frank Derricks
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Sonntag, 6. Mai 2018: Boadillo del Camino – Carrión de los Condes (27,2 km)

Nach einer guten Nacht frühstücke ich in der Herberge, bevor ich mich auf den Weg mache. Heute will ich ein paar Kilometer gutmachen, nach der superkurzen Frustetappe von vorgestern. Auf dem schönen Weg an einem Kanal entlang treffe ich wieder auf eines der Camino-Pärchen, Eileen und Michael. In Fromista genießen wir gemeinsam ein zweites Frühstück.

Direkt um die Ecke unseres Cafés steht die fast zu perfekt restaurierte romanische Kirche St. Martín. Sie gehörte zu einem im elften Jahrhundert gegründeten und später dem Kloster San Zoilo in Carrión de los Condes unterstellten Kloster, dessen einzigen Überrest die Kirche San Martín darstellt. Sie ist eine der wichtigsten romanischen Kirchen am Jakobsweg. Nicht nur die Kapitelle im Inneren des Gotteshauses, sondern auch die unzähligen Konsolenfiguren an den Sparren unter den Dachüberständen faszinieren: Neben Pflanzen, Tieren, Fabelwesen und Menschen befinden sich auch einige erotische Darstellungen darunter.

Von Fromista laufe ich ohne Pause am Bach bis Villalcázar. Der Weg führt wieder über lange gerade Feldwege und später an einem Bach entlang, wo Baumreihen für etwas Schatten sorgen. Im Dorf treffe ich auf den bronzenen Pilger Pablo Payo, bevor es an der Straße entlang nach Carrión de los Condes geht. Dort angekommen verbringe ich die späte Mittagspause mit Rainer, einem Pilger aus Fleisch und Blut. Hier auf dem Hauptplatz herrscht reges Treiben, die ganze Kleinstadt scheint an diesem Sonntag auf den Beinen zu sein.

Nach dem Mittagessen laufe ich weiter über die Brücke zum bereits oben erwähnten Kloster. Hier habe ich vorgestern ein Zimmer zu einem, für ein Vier-Sterne-Hotel erstaunlich günstigen Preis reserviert. Die Räume befinden sich im alten Monasterio San Zoilo, wo auch Hape Kerkeling übernachtet hat. Vor einigen Tagen habe ich ein neues Wort gelernt: kerkelingen. Das beschreibt einen Jakobspilger, der wahlweise Etappen mit dem Bus oder Taxi zurücklegt oder in Hotels statt Herbergen übernachtet.

Meine Dusche und die Handwäsche erledige ich im Hotel und trinke anschließend in der Cafeteria, welche zur Gartenseite hin offen ist, einen Milchkaffee. Alles dauert unglaublich lange und wird nicht gerade mit Begeisterung von unfreundlichem und offensichtlich überfordertem Personal mehr schlecht als recht erledigt. Zum Abendessen gehe ich nochmals in die Stadt zurück, treffe aber keinen Pilger mehr an. Die scheinen wohl alle bereits in ihren Betten zu liegen. Viele haben gehörigen Respekt vor der kommenden Etappe, welche ca. 17 Kilometer immer geradeaus und ohne nennenswerte Höhenunterschiede durch die spanische Meseta nach Westen führt.

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