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(80) Spurt nach Burgos

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Dienstag, 1. Mai 2018: Atapuerca – Burgos (20,2 km)

Um sechs Uhr bin ich froh, dass diese Nacht vorüber ist. Es war stickig und heiß. Gefühlt habe ich kaum geschlafen. In meinem Schlafsack habe ich mich gefühlt wie ein Braten in einer Bratfolie: geschmort im eigenen Saft. Am Fenster und sogar an der Haustüre läuft das Wasser herunter – ekelig! Beim Verlassen der Herberge knirscht das gefrorene Gras unter meinen Füßen.

Als um sieben Uhr das kleine Café öffnet, bin ich bereits zur Stelle und froh darüber, rechtzeitig hier zu sein. Wenige Minuten später herrscht hier Massenandrang. Ich sitze still in meinem Eckchen und frühstücke zusammen mit Taylor. Es ist noch immer sehr kalt, als wir uns auf den Weg machen. Zügigen Schrittes laufe ich den Berg hinauf und lasse Taylor hinter mir. Von hier oben habe ich einen schönen Ausblick auf Burgos, mein heutiges Tagesziel.

Von 1.076 Metern führt der Jakobsweg jetzt wieder bergab. Ab dem Dörfchen Villaval mit seiner verfallenen Kirche geht es fast eben bis nach Burgos. Es liegen noch ca. zweieinhalb Stunden Fußmarsch vor mir, und ich mache eine Kaffeepause in Orbaneja Riopico. Das WLAN-Passwort ist noch immer dasselbe wie vor vier Jahren. Weiter geht es am Flugplatz vorbei nach Castañares, einem Vorort von Burgos. Ich entscheide mich für die geringfügig längere aber deutlich schönere Variante am Fluss entlang. Das Wetter ist sonnig aber nicht sonderlich warm. Das reicht aber, um erstaunlich viele Menschen in den kleinen Park zu locken, welcher sich entlang des Ufers erstreckt.

Nach insgesamt 20 Kilometern überquere ich die Brücke und betrete durch das – der Jungfrau Maria gewidmete – Tor die „Plaza Rey San Fernando“. Hier zieht die prächtige, gotische Kathedrale alle Blicke auf sich. Die imposante Kirche, mit deren Bau auf dem Gelände einer früheren, romanischen Kathedrale 1221 begonnen wurde, gehört seit 1984 zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist damit die einzige spanische Kathedrale mit diesem Status.

Meine Bleibe für die kommenden beiden Nächte ist direkt gegenüber. Ich übernachte in einem Hotel, weil ich nie nächsten Tage arbeiten muss und dafür Ruhe brauche. Aus Kostengründen verzichte ich aber auf ein Zimmer mit Blick auf die Westfassade des Gotteshauses und muss mich weit aus dem Fenster lehnen, um einen Blick auf die Türme werfen zu können.

Als ich etwas später die Warteschlange vor der großen, öffentlichen Herberge unweit der Kathedrale sehe, bin ich froh, meine Unterkunft bereits gefunden zu haben. Bei meinem Streifzug durch diese wunderbare Stadt finde ich ein tolles Lokal, das am Nachmittag um 15 Uhr äußerst gut besucht ist. Die Tapas sind köstlich, und auch der Wein hat nur geringen Trinkwiderstand. Ich wäre gerne noch länger geblieben, um die Stimmung zu genießen, muss aber zurück ins Hotel an meinen Arbeitsplatz. Aber ich bin dankbar dafür, den Camino und die Arbeit auf diese Weise verbinden zu können.

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1 Kommentar

  • Olaf Wendt

    Burgos muss eine tolle Stadt sein; deine Bilder erinnern mich an die beiden englischen „Cathedral Churches of The Holy (and Undivided) Trinity“, die Dreifaltigkeits-Kathedralen in Ely beziehungsweise Norwich. Soweit mir bekannt ist, waren einige französische und spanische Gotteshäuser die Vorbilder für die anglo-normannische Architektur, welche dann zum romanischen Stil führte. Unglaublich, was früher ganz ohne CAD oder computergestützte, statische Modellrechnungen möglich gemacht wurde. Wie müssen diese Prachtbauten erst im Umfeld der damals eher mickrigen, umliegenden Hütten und Häuser gewirkt haben!