(78) Warum?

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Pilgeralltag, Projekt, Tagebuch
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Sonntag, 29. April 2018: Redecilla del Camino – Villafranca Montes de Oca (25,0 km)

Nach den Erzählungen anderer Pilger bin ich froh, hier in dieser Pension übernachtet zu haben. In der Herberge soll es kaum noch erträglich gewesen sein. Viele laute und rücksichtslose Menschen in engen Räumen und ekelige Sanitäranlagen. Einfach ist okay, aber so etwas brauche ich nicht!

Pilgeralltag: Am Morgen hole ich erstmal meine Kleidung von unten. Zusammen mit Anett und Lara habe ich den Wäscheservice in Anspruch genommen. Für fünf Euro ist alles wieder gewaschen, sauber und trocken. Beim Einpacken meiner Sachen stelle ich fest, dass etwas fehlt: Das gelbe Eigen-SiNN Shirt fehlt, welches ich fast jede Nacht trage. Bereits mit allen Sachen bepackt frage ich María danach. Die kleine Dame mit den blonden Haaren entschuldigt sich unzählige Male, dass das Shirt noch auf der Leine hängt. Inzwischen ist es trocken und ich kann es verpacken. Nach dem Standard-Frühstück stapfe ich wieder los.

Der Himmel ist bedeckt, meine Laune aus unerklärlichen Gründen auch. Also dauert es nicht lange, bis ich wieder anfange zu „hirnen“. Ich grüble während des Laufens über all die Themen, die mich nicht erst hier auf dem Camino beschäftigen. Warum bin ich hier? Hier auf dem Camino und hier auf dieser Welt? Was hat das für einen Sinn, für mich und für andere? Ich finde keine Antworten darauf.

Etwas konkreter wird es, wenn ich über meine mangelnde Fähigkeit nachdenke, Gefühle so zu empfinden, um einigermaßen kompatibel mit anderen Menschen zu sein. Es ist mit ein paar Unterbrechungen seit 35 Jahren immer wieder der gleiche Themenkomplex, manchmal mit verschobenen Schwerpunkten. Mein Hirn läuft ständig, ich kann es nicht abschalten und mich fallen lassen. Deshalb stehe ich auch oft wie der Ochs vor dem Berg, wenn andere Menschen sehr emotional reagieren, ich aber einfach nicht mehr mitkomme.

Tiefer will ich jetzt hier nicht einsteigen, weil das etwas sehr Persönliches ist. Ich kann inzwischen wenigstens manchmal darüber sprechen, auch auf dem Camino, aber es macht mich immer sehr traurig. Der Jakobsweg bietet heute wenig Aufheiterung. Die Nationalstraße 120 von Logroño nach Burgos ist meistens in Sicht- und immer in Hörweite, Autos und Lastwagen rauschen vorbei. Die Sonne schaut nur in Belorado mal durch die Wolkendecke. Ich trinke einen Kaffee und fühle mich alleine. Außer mir ist keiner auf dem großen Zentralplatz mit einem kleinen Pavillon in der Mitte. Im Sommer wird der Platz von vielen Platanen beschattet; dort oder hier unter den Arkaden kann nicht nur der müde Pilger der heißen Sonne entrinnen.

Ich entfliehe dem Großdorf und laufe weiter, jetzt mit dem Regenschutz über dem Rucksack. Immer wieder fängt es ganz leicht an zu regnen, aber nie so, dass ich das Gefühl habe, das Cape anziehen zu müssen. Trocken komme ich auf guten Wegen bis nach Villambistia, wo ich erneut eine Pause einlege. Hier, in der einzigen Herberge des Ortes, hatte ich schon auf meinem ersten Camino übernachtet. Heute treffe ich Diana, Dirk und Roland hier wieder. Ich möchte aber jetzt nicht bleiben und ziehe weiter, um im nächsten Nest in einen Hagelschauer zu geraten. Also suche ich in der dortigen Bar Schutz und nutze die Gelegenheit, eine Kleinigkeit zu essen. Die Wolken werden immer dunkler, und der Wind frischt auf. Hoffentlich schaffe ich es noch bis Villafranca Montes de Oca! Kurz vor dem Dorf erwischt mich der Regen dann doch. Ziemlich nass erreiche ich eine kleine Pension, in der ich übernachten werde.

Das Fernfahrerlokal um die Ecke hat heute geschlossen, und die Bar ein gutes Stück die Straße runter ist mir bei dem Wetter einfach zu weit. Also sprinte ich später über die Straße in einen kleinen Laden, um Brot zu kaufen – das ist leider ausverkauft. So begnüge ich mich heute mit hartem Trockenbrot aus der Tüte, wie Zwieback. Das schmeckt mit Thunfisch und auch mit dem Rest der französischen Hartwurst, die ich noch immer mit mir herumtrage. Nach einer Arbeitssession ist es bereits fast elf Uhr, als ich ins Bett gehe. Ich hoffe, dass der Regen heute Nacht durchzieht, sodass ich auch morgen wieder ohne Regencape laufen kann.

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1 Kommentar

  • Roelie und Siegfried Stöhr

    Hallo Frank!

    Nun wünschen wir Dir einen schönen Endspurt Deines Jakobsweges und hoffen daß diese Strapazen
    (so empfinden wir es für Dich, wenn wir Deine Blogs lesen) für Dich wegweisend sein werden.

    Wir drücken Dich ganz feste!

    Roelie und Siegfried