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(75) Telefonkonferenz am See

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Donnerstag, 26. April 2018: Logroño – Ventosa (19,8 km)

Die Stadt ist noch fast menschenleer, obwohl es schon nach sieben ist. Auch der heutige Morgen beginnt mit einem Arbeitsfrühstück in Logroño. Mein Stammlokal hat noch geschlossen, aber es gibt ja Alternativen – wenn auch nur mit WLAN aber ohne Stromanschluss. Um kurz nach neun unterbreche ich nach dem dritten Kaffee meine Arbeit und mache mich auf den Weg aus der Stadt hinaus. Dieser führt durch mehrere Parks ist zum deutlich schöner, als der Weg hinein, vorbei am Krematorium.

An einem kleinen Stausee mache ich Rast. Es ist Zeit für die donnerstägliche Telefonkonferenz. Das Wetter ist wieder herrlich, aber nicht mehr so warm wie in den vergangenen Tagen, dafür windiger. Ich laufe weiter auf dem Jakobsweg durch die noch immer fast kahlen Weinberge der Rioja. An den Rebstöcken zeigt sich jedoch schon das erste Grün. Nicht mehr lange, und hier wächst der Grundstoff für den leckeren Rebensaft heran. All das wird von einem überdimensionalen schwarzen Stier bewacht, der hier im Land häufiger an Fernstraßen zu sehen ist.

Leicht bergauf geht es an einer Autobahn entlang und später wieder sanft bergab auf Navarrete zu. Vor dem Ort ist noch ein kurzer Aufstieg zu bewältigen bevor ich in einem Bogen durch die verlassenen Straßen wieder bergab gehe. Die prunkvoll über und über, geradezu verschwenderisch mit Gold verzierte Apsis der Kirche lasse ich mir nicht entgehen. Auch hier kommt mir das Gebetshaus im Vergleich zur Größe der Gemeinde einfach riesig vor. Das Gebäude kann ich auch nicht auf ein Bild bannen, nirgendwo ist genug Abstand.

Entlang einer Straße verlasse ich Navarrete wieder, um dann auf trockenen Wegen weiter durch steinige Weinberge zu wandern. Wieder geht es direkt an der Autobahn entlang. Kurz hinter einer Brücke steht direkt an diesem staubigen Weg ein kleiner Imbisswagen mit Tischen und kleinen Klappstühlen davor. Zu den Tapas, die ich bestelle, gibt es einen kleinen Becher Wein gratis. Hier setzen sich Steffi und Steff zu mir, und wir stellen überrascht fest, dass wir es nie für möglich gehalten hätten, einen solchen Platz einmal schön zu nennen.

Bis Ventosa ist es jetzt nicht mehr weit, dort werde ich übernachten. Viel Auswahl habe ich ohnehin nicht, es gibt nur eine Herberge. In einer der beiden Bars schlage ich wieder mein Büro auf, esse hier später auch zu Abend und unterhalte mich mit anderen Pilgern. So auch mit Julio einem Argentinier mit US-amerikanischem Pass und Ulla, seiner dänischen Pilgerfreundin. Beide sind um die siebzig und haben sich vor Jahren auf einem ihrer vielen Caminos kennengelernt. Auch sind viele deutsche Männer von Anfang sechzig unterwegs. Auf dem Weg in die Herberge treffe ich erneut auf Steffi und Steff. Kurz vor unserer Unterkunft treffen wir auf eine einsame Frau von 84, die uns in einem unaufhörlichen Redeschwall ihre Lebensgeschichte erzählt. Wir verstehen nur Bruchteile, und es macht uns traurig, die alte Dame „abzuwimmeln“, aber die Herberge schließt um 22 Uhr.

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