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(73)- (74) Arbeitstage

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Dienstag/Mittwoch, 25./26. April 2018: Los Arcos – San Sol – Logroño (29,1 km)

Tatsächlich war die Nacht gut, aber trotzdem bin ich früh aufgewacht und traurig: Wieder alleine! Ich denke immer wieder an die Schmetterlinge in Freudenstadt und daran, wie oft sich diese Kinder einsam vorkommen. Hoffentlich finde ich bald wieder Anschluss. Wie dem auch sei, ich muss heute und mindestens morgen volle Arbeitstage einlegen, es lässt sich leider nicht vermeiden.

Ein Plätzchen mit WLAN, Strom- und Kaffeeversorgung ist schnell gefunden. Ich war gestern bereits dort. Als später die Sonne auf den Platz scheint, verlagere ich meinen Arbeitsplatz nach draußen und starte erst gegen elf Uhr zu meinem heutigen Spaziergang. Die Kirche ist leider wieder geschlossen, so bleibt mir ein Besuch dort versagt. Direkt nach Los Arcos geht es etwas bergauf und dann eben, immer mit der Sonne links hinter mir. Kurven bemerke ich auf der ersten Hälfte keine. Das einzige „Hindernis“ waren hunderte Schafe, die mich derart abgelenkt haben, dass ich für ein paar hundert Meter vom Weg abgekommen bin.

Immer wieder sehe ich zwischen gelben Blumen auch vereinzelt Klatschmohn stehen. Ich finde die Landschaft hier großartig. Die leicht gewellten grünen Getreidefelder werden von hellen Wegen und Straßen durchzogen. Manchmal wird das Grün von Büschen, Baumreihen oder Olivenhainen unterbrochen. Nach weniger als anderthalb Stunden erreiche ich San Sol und finde eine kleine Herberge mit einem schönen Garten. Hier werde ich bleiben und packe auch bald meinen Rechner wieder aus. Zuvor unterhalte ich mich noch ein wenig mit Marciela, die perfekt spanisch und englisch spricht, aber in Bern lebt. Also wechselt unsere Unterhaltung immer zwischen mehreren Sprachen. Später lerne ich noch Diana, Udo, Dirk und Roland aus Deutschland kennen, die auch hier übernachten.

Nach einer guten Nacht beginnt der Morgen wieder mit einem Arbeitsfrühstück, bevor ich mich auf den Weg nach Viana mache. Die Gegend ändert sich wenig, aber Wege und Wetter sind prima. Trotzdem bin ich traurig, dass ich wieder ohne Bezugsgruppe oder -Personen unterwegs bin. In Viana, deren Stadtheilige Maria Magdalena ist, liegt Cesare Borgia, Sohn von Papst Alexander VI., seit 2007 wieder in der Kirche begraben. Eine Marmorplatte mit Inschrift erinnert an den umstrittenen Renaissancefürsten, der Niccolò Machiavelli zu seinem Buch „Der Fürst“ inspiriert haben soll. Das Gotteshaus selber erscheint wieder sehr groß, besonders für diesen kleinen Ort mit gerade mal 4.000 Einwohnern. Die gotische Kirche und ihre Seitenkapellen sind reichlich mit vergoldetem Schnitzwerk geschmückt.

Auf dem wenig erbaulichen Weg nach Logroño treffe ich Steffi aus Berlin, der ich mit einem Beutelchen hochdosiertem Magnesium aushelfen kann. Wenig später treffe ich auf einen englischsprachigen Mann meines Alters, der sehr erschöpft aussieht. Er erzählt mir, dass er wohl in Viana seine Wasserflasche vergessen hat und nun sehr durstig ist. Ich bin froh, meinen Wasservorrat bei nahezu jeder Gelegenheit aufzufüllen und ihn jetzt mit dem Mann teilen zu können.

Zusammen mit Tomo, einer allein reisenden Japanerin, überquere ich die Grenze zur Region La Rioja, aus welcher der berühmte Wein gleichen Namens stammt. Inzwischen ist es bewölkt, aber weiterhin trocken. Der Jakobsweg führt durch Gewerbegebiete und vorbei an einer Kläranlage bis zur Brücke über den Ebro. Auf der Suche nach einer Herberge laufen wir zusammen durch die drittgrößte Stadt auf dem Camino Francés. Wir werden unweit des Tapas-Viertels fündig und zahlen 10 Euro pro Person für Betten mit kompletter Bettwäsche und Frotteehandtuch. Was für ein Luxus zu diesem Preis.

Ich mache mich wieder auf die Suche nach einem Ort mit WLAN und Stromanschluss und werde in einer Bar im Jugendstil fündig. Hier war ich auch vor vier Jahren schon. Nachdem ich wieder zwei Stunden gearbeitet habe, streife ich noch ein wenig durch die Innenstadt und entdecke einen sogenannten Outletstore für Sportkleidung. Hier erstehe ich eine dünne kurze Hose sowie ein Funktions-Shirt für die warmen Tage – hoffentlich kommen die dann auch! In einer der unzähligen Tapasbars esse ich eine Kleinigkeit zu Abend und kehre danach zurück zur Herberge. Komischerweise habe ich kaum Pilger gesehen. Sind die alle noch früher im Bett?

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