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(72) Schwerer Abschied

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Montag, 23. April 2018: Estella – Los Arcos (22,1 km)

In meiner Höhle habe ich hervorragend geschlafen. Die Dame, die das Frühstück hätte vorbereiten sollen, hat wohl verschlafen. So ist heute Morgen alles etwas improvisiert. Wenigstens ist der Kaffee wieder prima, und auch Toast mit Marmelade ist gut für die Stärkung. Beim Verlassen der Stadt ist wieder höchste Aufmerksamkeit geboten. Hier hätte ich mich beim letzten Camino fast verlaufen. Aber diesmal bin ich auf dem richtigen Weg nach Irache. Hier befindet sich offensichtlich ein in amerikanischen und koreanischen Pilgerführern viel gepriesenes Highlight des Caminos, der Weinbrunnen.

Tatsächlich fließt aus einem Zapfhahn frisches Wasser und aus dem anderen Rotwein. 100 Liter täglich stellt die Kellerei den Pilgern kostenfrei zur Verfügung. Mir ist hier zu viel Rummel; auch brauche ich morgens um kurz nach acht noch keinen vergorenen Rebensaft. Also geht’s vorbei am Kloster Richtung Azqueta, wo vor einer kleinen Bar wieder reger Pilgerandrang herrscht. Hier kann ich während einer Kaffeepause eine Flasche meines Doppelpacks Sonnencreme an Christina verkaufen. So fügt sich hier häufig alles irgendwie ineinander. Die Fragen nach dem weiteren Verlauf des Weges beantworte ich mit dem Verweis auf mein unzuverlässiges Gedächtnis heute nicht.

Der Aufstieg nach Villamayor de Monjardín ist nicht schwer, obwohl die Sonne schon ihr Bestes gibt. Hier besuche ich nochmals die herrlich schlichte romanische Kirche, welcher später ein barocker Glockenturm hinzugefügt wird. Von hier geht es auf breiten Pilgerpfaden immer leicht bergab nach Los Arcos. Hier gönne ich mir für 18 Euro inklusive Frühstück in einer Herberge ein halbes Zweibettzimmer, welches ich letztendlich alleine bewohnen werde. Nach der obligatorischen Dusche laufe ich zurück zur österreichischen Herberge, wo ich ein herrliches Franziskaner aus einem Weißbierglas genieße. Zusammen mit Werner, der bereits viele Caminos gelaufen ist, trinke ich hier ein zweites Glas.

Später trifft sich auf dem Platz vor der Kirche die ganze Pilgergemeinde. Hier sind schon Anna, Stacia und Franzi, und auch Ida und Helene aus Dänemark treffe ich. Es hat ein bisschen was von Volksfest. Erst recht, als ich an den irischen Tisch komme, wo ich auch Robin wieder treffe. Sicherheitshalber habe ich schon mal zwei Krüge Bier mitgebracht, denn irische Kehlen sind bekannt für ihre chronische Trockenheit.

Thomas aus Australien (Name und Herkunft geändert) erzählt sehr offen über seine Vergangenheit und den Drogenkonsum, den er zu überwinden sucht. An dem Tag, an dem er alles für seinen Freitod vorbereitet hatte, kommt seine Schwester beim ihm vorbei und erzählt ihm bei seinem „letzten Joint“, dass sie schwanger sei. Heute zeigt er mir mit zitternden Händen Bilder seiner sechs Monate alten Nichte und sagt, sie habe sein Leben gerettet. Mir kommen bei solchen Geschichten die Tränen.

Der Abschied von den Iren, deren Namen ich noch immer nicht alle auf die Reihe kriege, fällt schwer. Martin, Ian, John und ihre Freunde laufen morgen bis Viana und reisen dann wieder in ihre Heimat. Wir haben viel zusammen gesprochen, getrunken und gelacht. Manchmal war es mir zu laut, aber ich bin auch bei diesen Jungs erstaunt über die Offenheit der Gespräche. Nein, verstanden habe ich nicht alles, aber hier auf dem Jakobsweg ist es leichter, über Dinge zu sprechen, die im „normalen“ Leben nicht oder nur mit sehr vertrauten Menschen zur Sprache kommen.

Ich begleite Robin und Thomas noch zur Casa Austria. Nach unendlich langen Umarmungen fließen wieder dicke Tränen bei der Verabschiedung. Wie kommt es, dass es nach nur sechs Tagen des gemeinsamen Pilgerns schon so schwerfällt, sich zu trennen? Ich werde morgen weiterarbeiten müssen und eine Minietappe einschieben, während Robin bis Logroño will. Der Heimweg fällt schwer, und ich sehe alles nur verschwommen. Zum Glück sollte mir das Schlafen heute dank des Rotweins nicht schwerfallen. Danke für diese wundervollen Camino-Freundschaften.

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3 Kommentare

  • Matthias

    Hallo Frank,
    du fragst, wie es kommt dass einem eine Trennung so schwer fällt.
    Ich glaube das ist teilweise ein Pilgerphänomen. Manchmal erlebt man es auch im Alltag, aber auf dem Pilgerweg eher oder intensiver. Ich habe mich das auf meinem Camino auch gefragt.
    Einen Absatz zuvor schreibst du von der Offenheit des Australiers.
    Durch die tägliche Bewegung ist man vielleicht seinem Körper näher, vielleicht auch Gott näher, zumindest seinem Herzen. Dazu kommt, dass man nicht weiß, ob oder wann man sich wieder sieht. Man kommt ja auch kein zweites Mal an denselben Ort. Dadurch wird man sich mancher Einmaligkeit bewußt oder unbewußt. Ein französischen Pilgerlied beginnt: „Tous les matins nous prenons le chemin“. Das ist anders als im Alltag mit seinen Elementen der Wiederholung. Derart geöffnete und bewegte Herzen begegnen sich dann vielleicht auch intensiver. Dann können einen die Emotionen schon ganz schön durcheinander bringen.
    Gruß Matthias

  • Matthias

    PS: mit gefällt das Bid des Tages mit seinen schneckenartigen Rapskringel.