(70) Pilgerrummel

  • Frank Derricks
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Samstag, 21. April 2018: Pamplona – Puente la Reina (25,7 km)

Die Jugend verlässt das Hostel schon vor sieben Uhr. Im Stehen esse ich zwei Scheiben Toastbrot mit Marmelade und trinke ein Glas Orangensaft. Nach dem Wein vom Vorabend habe ich sehr gut geschlafen und frage mich, ob ich viel geschnarcht habe. Kurz nach acht haben Robin und ich nicht nur den Camino wieder erreicht, sondern auch ein Café gefunden, in dem wir, gut bewacht von vier Polizisten, schon jetzt ein zweites Frühstück einnehmen. Danach führt der Weg vorbei am Universitätscampus und, in einiger Entfernung zu dieser, parallel zur Autobahn Richtung Südwesten.

Langsam geht es bergauf zum „Alto de Perdón“, und in Zariquiegui ist, nach dem Besuch der kleinen Kirche, Pilgerpause angesagt. Circa zwei Dutzend Menschen versammeln sich in und vor einer Bar, um sich vor dem letzten Aufstieg zu stärken. Viele sitzen im Schatten und stöhnen bereits jetzt über die Hitze. Fast wie an einer Perlenschnur aufgereiht zieht der Strom der Pilger unterhalb der großen weißen Windräder den Hang hinauf.  Am berühmten Pilgerdenkmal auf dem Bergrücken, wo der Weg der Winde mit dem Weg der Sterne zusammentrifft, herrscht unglaublicher Rummel. Kaum vorstellbar, dass ich hier vor vier Jahren alleine war. Es ist unmöglich, das rostbraune Denkmal aus Eisen ohne Menschen zu fotografieren.

Der Abstieg nach Uterga ist noch genauso steil und steinig wie zuvor. Schotter, Kiesel und faustgroße Steine belasten die Füße. Alle müssen höllisch aufpassen, wo sie ihre Füße hinsetzen. An der mir bekannten Herberge am Ortsausgang ist auch wieder viel los, aber ich mache trotzdem hier eine Pause. Hier erfahre ich auch von den Mädels, dass ich in der vergangenen Nacht nicht geschnarcht heben soll. Fast eine dreiviertel Stunde verbringe ich hier mit vielen anderen Pilgern.

Als ich wieder starte, brennt die Sonne vom blauen und wolkenlosen Himmel. Der Jakobsweg führt weiter vorbei an grünen Getreidefeldern und durch die Dörfer Muruzábal und Obanos nach Puente la Reina. Vorbei an der ersten Herberge, vor der bereits eine längere Schlange auf Abfertigung wartet, gehe ich ins Dorf. An der nächsten Pilgerunterkunft bietet sich mir dasselbe Bild. Also entscheide ich mich, eine relativ neue Herberge außerhalb auf einem Hügel aufzusuchen. Dort sind reichlich Plätze frei, hier treffe ich auch meine Pilgerfreundin Robin wieder.

Nachdem Dusche und Wäsche erledigt sind, mache ich mich alleine auf den Weg zurück ins Dorf. Auf der Hauptstraße angekommen dauert es nicht lange, bis ich die ersten Bekannten sehe: Robin und die fünf Iren. Während wir zusammensitzen und quatschen, kommen so viele Menschen vorbei, die uns grüßen, stehenbleiben oder sich dazusetzen. Es ist gerade so, als ob wir alle hier in diesem Ort heimisch wären. Nach dem Abendessen treffen wir auch die Iren wieder und werden erneut zum Wein eingeladen. Um halb elf machen wir uns auf den unbeleuchteten Weg zur Herberge.

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