(62) Dauerlauf

  • Frank Derricks
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Freitag, 13. April 2018: Aire-sur-l’Adour – Arzacq-Arraziguet (31,3 km)

Geschlafen habe ich wie üblich und ohne Knieschmerzen. Gestern Abend kam noch ein Japaner namens Yossi (ob man das so schreibt, weiß ich nicht) in die Herberge von Isabelle und Alejandro. Er ist von Eauze hierhergelaufen, also fast 50 Kilometer. Er empfindet es in den Herbergen genauso kalt wie ich und schläft in einem schwarzen Daunenanzug, in dem er aussieht wie ein kleines Michelin-Männchen, nur eben in dunkel.

Das Wetter sieht okay aus; Hauptsache es bleibt trocken. Noch im Ort geht es bergauf. Die Abteikirche Ste-Quitterie, deren romanischer Ursprung im Inneren noch gut erkennbar sein soll, ist leider verschlossen. So bleibt nur, das gotische Tympanon über dem Portal zu bestaunen. In den Wirren irgendwelcher Kriege oder Revolutionen wurden, wie in Moissac, auch hier die Köpfe und Gesichter der Figuren zerstört. Ich hätte gerne noch aus der hier entspringenden Quelle Wasser mitgenommen, welchem heilende Wirkung bei Geisteskrankheiten nachgesagt wird. Man kann ja nie wissen…

Zügigen Schrittes laufe ich zuerst an der Straße, dann auf einem breiten und offensichtlich frisch befestigten Wanderweg hinab zu einem Stausee. Hier ist außer dem Wandern auf den Wegen, ggf. mit angeleinten Hunden, alles verboten. Hier überhole ich auch Nicole aus Neukaledonien und ihre Schweizer Freundin. Nach der Unterquerung der Autobahn verläuft der Jakobsweg vorbei an Weizenfeldern und weiten Brachflächen, auf denen wohl im vergangenen Jahr Mais angebaut wurde. Falls ich den Bauern, welcher die zwanzigste Fuhre Mist an den Rand eines solchen Ackers kippt, richtig verstanden habe, ist es für die Maissaat noch zu nass.

Während ich flink über die asphaltierten Wege laufe, werde ich überholt. Ein sehr schlanker, circa vierzigjähriger Franzose passiert mich mit einem freundlichen Gruß, und ich komme mir vor, als würde ich im Schneckentempo gehen. Es dauert nicht lange, und der Dauerlaufpilger ist am immer heller werdenden Horizont kaum noch zu erkennen. In Miramont kaufe ich in der Bäckerei ein lieblos geschmiertes Baguette mit Leberpastete ohne jegliches überflüssiges Zierrat wie Gurke, Salat oder Tomate und trinke einen Kaffee. Ich nutze dazu eine der sehr dünn gesäten Sitzmöglichkeiten, hier sogar mit Tisch. Die äußerst freundlichen Betreiber der gegenüberliegenden Herberge fragen, ob alles in Ordnung sei und sagen mir, dass sie jederzeit für mich da seien.

Auf dem weiteren Weg entscheide ich mich zum wiederholten Mal für die Straße, da der nahezu parallel verlaufende Weg völlig matschig ist. Gerade bergab muss ich mir das nicht antun. Es ist inzwischen so sonnig und warm, dass ich die Jacke ausziehen kann. An einer Kreuzung sitzt eine junge Frau, und ich habe den Eindruck, dass sie Probleme hat. Sie verneint, und wir kommen ins Gespräch. Miuka kommt aus Polen und ist am 20. Juni des vergangenen Jahres in ihrer Heimat nach Spanien aufgebrochen, um dann aus dem Süden über die Via de la Plata nach Santiago zu gehen. Nun ist sie auf dem Heimweg. Im letzten Sommer hat sie häufig draußen geschlafen, ohne Zelt. Das hat sie erst im Winter geschenkt bekommen. Und da sage noch jemand, ich sei verrückt.

Nach sechseinhalb Stunden erreiche ich Arzacq-Arraziguet. Bitte nicht fragen, wie man das ausspricht. Die Zeit bis zur Öffnung der Herberge überbrücke ich im örtlichen Café unter den Arkaden am Hauptplatz. Das hat was vom Marktplatz in Freudenstadt, nur viel kleiner. Die Bogengänge sind das Einzige, was noch an das frühere Bastiden-Dorf erinnert. Mehr weiß weder mein Pilgerführer noch ich über diese Ansiedlung zu erzählen. Neben der günstigen kommunalen Herberge (11 Euro für die Übernachtung) gibt es ein Bistro, in dem ich gleich noch eine Kleinigkeit essen werde. Das saubere Zimmer teile ich mir mit dem Dauerlauf-Pilger, dessen Namen ich noch nicht kenne.

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