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(56) Stürmische Zeiten

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Samstag, 7. April 2018: Saint Antoine – Lectoure (23,9 km)

Ich habe herrlich geschlafen in meinem schmalen Bett im eigenen Haus. Außerdem ist die ganze Wäsche sauber. Wundervoll! Auch das Frühstück ist prima und stilvoll serviert. Ich probiere jede der selbstgemachten Konfitüren. Auf dem Jakobsweg durch Frankreich bin ich inzwischen zum Marmeladenesser geworden. Das will ich daheim auch mal ausprobieren. Um halb neun machen sich alle Pilger auf den Weg. Vorher knipse ich noch das fast schon obligatorische Selfie mit Rose-Anne, Christiane und Nicole, Renaud, Michel und mir.

Der Himmel ist bewölkt, und die Sonne zeigt sich noch nicht. Regen ist auch nicht angesagt, nur Wind. Die erste Stunde ist von der schnellen Luft nichts zu spüren, dafür bläst es dann stärker als je zuvor. Meinen Hut halte ich vor der Brust fest, aufsetzen ist unmöglich. Nach stetem Auf und Ab erreiche ich das Dörfchen Miradoux: Auf einer Anhöhe gelegen stürmt es hier noch stärker, und als ich das einzige geöffnete Lokal betrete, fliegen gleich mehrere Papiersets durch den Raum.

Da fällt mir ein, dass ich gestern nicht vom in rosa und azurblau gehaltenen Innenraum der Kirche von Saint Antoine berichtet habe. Die Decken der beiden Seitenkapellen sowie des Altarraums erstrahlen in einem kräftigen Blauton. Die Wände sind in rosa getaucht, und die gotischen Bögen sowie Pfeiler der von außen unscheinbar wirkenden Kirche sind mit geometrischen und floralen Mustern verziert. Nur der orientalisch anmutende Eingang lässt von außen Besonderes vermuten.

Der Weg verläuft heute öfter neben wenig befahrenen Straßen, was einem jungen Bürgermeister der Gegend zu verdanken ist. Er hat maßgeblich dafür gesorgt, dass die Bauern, wo erforderlich, einen schmalen Streifen ihrer Felder nicht bestellen, sondern für die Pilger und Wanderer begehbar machen. So müssen wir meist nicht direkt auf der Straße laufen und ständig dem Verkehr ausweichen. Bei dem Wind passe ich immer besonders auf, wenn mir denn mal auf einer Straße ein Auto entgegenkommt. Die Böen treiben mich manchmal ein oder zwei Schritte auf die Straße hinaus. Bei Gegenverkehr kann das schmerzhaft werden.

Das Wandern ist heute unspannend, wie auch die Gedanken. So bin ich froh, nach dem letzten steilen Anstieg Lectoure zu erreichen. Renaud hat gestern in der Herberge von Isabelle einen Schlafplatz reserviert, aber es ist noch geschlossen. So setze ich mich zum Schreiben in das Café des Sports und verbringe dort über zwei Stunden. Nach dem Duschen kehre ich hierher zurück, da es für das Abendessen noch zu früh ist, hatte ich doch erst kurz vor dem Ziel ein weiteres Stück Baguette mit Thunfisch gegessen.

Am Abend werde ich wieder Zeuge des bemerkenswerten Umgangs vieler Menschen mit ihren Kindern. Im Bio-Restaurant, welches ich mir ausgesucht habe, sind unter den Gästen zwei Kinder und ein Baby. Auch die blondgelockte Tochter der Inhaber springt der Mama immer um die Beine. Die Kinder schreien nicht und beachten die anderen Gäste kaum. Alles ist ruhig und funktioniert irgendwie. Toll! Die Nacht verbringe ich in einem Raum mit zwei jungen französischen Pilgern und bin froh, dass nicht alle acht Betten belegt sind.

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