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(49) Karge Karstlandschaft

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Ich weiß nicht, warum ich eine unruhige Nacht verbracht habe. Zusammen mit Christian genieße ich das Frühstück mit selbstgemachter marokkanischer Marmelade, Kuchen und Baguette. Marie ist mit Mustafa, einem sehr freundlichen Marokkaner verheiratet. Beide Töchter (eineinhalb und drei Jahre alt) sind bereits auf den Beinen oder besser gesagt, auf allen vieren. Jacques hat die Herberge sehr früh verlassen, und ich frage mich, ob er mit einer Taschen- oder Stirnlampe läuft. Es wird ja jetzt um halb acht erst langsam hell.

Gegen acht Uhr verlasse ich alleine das Haus, verspüre aber noch nicht den Drang, zu laufen. Im Ort herrscht in der nach allen Seiten offenen Markthalle bereits reges Treiben. Überall wird frische Ware feilgeboten, auch Fisch und sogar Austern. Ich setze mich in eines der Cafés am Platz und trinke noch einen Milchkaffee, um Energie für eine lange Etappe zu sammeln. Noch ist das Wetter gut, und langsam steigt die Sonne im Osten empor. Der Himmel in Marschrichtung verheißt allerdings nichts Gutes; er ist grau und dunkel.

Beim Weg aus der Stadt treffe ich in einer kleinen Gasse auf Mathilde. Sie ist gestern Abend angereist und hat ebenfalls in der Klatschmohn-Herberge übernachtet. Sie ist noch unentschlossen, welchen Weg sie einschlagen wird, will aber nicht den ihr schon bekannten GR65 laufen. Zunächst laufen wir aber gemeinsam aus der Stadt heraus. Bereits kurze Zeit später fallen die ersten Tropfen, und wir hüllen uns beide in rote Regencapes.

Zunächst geht es ein Stück recht steil bergauf auf die Causses. Diese Landschaft eine Hoch-Ebene zu nennen, trifft nicht ganz zu, denn der Jakobsweg führt durch eine leicht hügelige Landschaft, in die sich einige Flüsse, wie der Lot oder der Célé, tief eingegraben haben. Nicht zuletzt wegen des Wassermangels in dieser Karstlandschaft, welche überwiegend aus Kalkstein besteht, haben sich hier kaum größere Siedlungen gebildet. Gemeinsam laufen wir, mal in eine Unterhaltung vertieft und mal schweigend, fast drei Stunden bis kurz vor Béduer, wo sich unsere Wege trennen.

Die sympathische Mittdreißigerin wandert durch das Tal des Célé, und ich laufe weiter auf dem Jakobsweg. Die Landschaft besticht durch ihre herbe Schönheit und die unzähligen Trockenmauern, welche die Wege säumen und Weideflächen voneinander trennen. Diese, aus unterschiedlich großen, meist aber flachen Steinen aufgeschichteten, Mauern kommen gänzlich ohne Mörtel aus. Auch die steinernen Rundhäuser sind aus diese Weise errichtet worden, inklusive der Dächer aus Steinplatten. Eines dieser Bauwerke dient mir während eines Regengusses als Unterschlupf.

Leicht auf und ab, mal mit und mal ohne Regencape, laufe ich ohne nennenswerte Ermüdungserscheinungen meinem Ziel entgegen. Zwei Kilometer vor Cajarc geht es auf steinigen Wegen und zum Schluss auf einer kleinen Teerstraße steil bergab. Auch in diesem Dorf, welches an einer Schleife des Lot unterhalb steil aufragender Kalkfelsen liegt, ist Leben. Der Markt und auch Cafés und Restaurants sind geöffnet, und es herrscht lebendiges Treiben.

In einer privaten Herberge finde ich mein Nachtlager. Auch Christian taucht hier kurz nach mir auf. Es ist der erste Tag der Saison für die Betreiber dieser äußerst aufgeräumten und professionell organisierten Gîte. Nach einer Dusche kaufe ich noch ein, denn in den nächsten beiden Tagen wird es dazu kaum Gelegenheit geben. Am Abend treffe ich in einem kleinen Restaurant beim Abendessen auf Jacques, den ich heute gegen Mittag überholt hatte. Wir unterhalten uns prächtig, auch über das Golfen. Er ist einstellig, Respekt! Für 14,50 Euro genießen ich eine Gemüsesuppe, eine deftige Vorspeise aus der Region, einen Barsch im Ganzen sowie eine Nachspeise und einen halben Liter Rotwein. Jetzt werde ich bestimmt gut schlafen…

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