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(46) Ankunft im Mittelalter

  • Frank Derricks
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Donnerstag, 22. März 2018: La Soulié – Conques (17,0)

Der Schlaf ist mal wieder mäßig, was allerdings nicht an der Herberge liegt. Ich mache mir Gedanken über meinen Vater, der am kommenden Dienstag in Stuttgart operiert wird. Irgendwie beunruhigt es mich, dass ich so weit weg bin, auch wenn ich weiß, dass ich vor Ort wenig „ausrichten“ kann. Auch während des Tages wird mich dieses Thema beschäftigen, und ich laufe häufig etwas abseits der Gruppe.

Nach einem prima Frühstück mit selbstgemachter Marmelade, Baguette, Butter und sogar frisch gepresstem Orangensaft starten wir erst gegen kurz vor 10 Uhr Richtung Conques, einer Perle des Mittelalters, welche an einen Hang gebaut in einem schwer zugänglichen Seitental des Lot liegt. Gemeinsam mit Simon und Nicolas laufen Natalia und ich bei Sonnenschein die kleine Straße entlang bergab nach Espeyrac. An einer alten Wassermühle überqueren wir eine kleinen Bach, und der Jakobsweg steigt jetzt wieder deutlich an: auf den nächsten fünf Kilometern wollen knapp 300 Höhenmeter überwunden werden.

Auf kaum befahrenen Straßen erreichen wir nach circa anderthalb Stunden den nächsten Ort. Hier in Senergues gibt es einen Laden, die letzte Möglichkeit zum Einkaufen für über 40 Kilometer. Wir trauen unseren Augen nicht: donnerstags geschlossen! Unsere Enttäuschung spülen wir mit Kaffee und heißer Schokolade im gegenüberliegenden Café herunter. Voraussichtlich werden wir heute Abend in der Abtei gut versorgt, und so ist der Mangel an Essbarem bis zum Etappenziel zu verschmerzen.

Die kleinen Pfade neben der Straße weisen hier auf ein in den Sommermonaten starkes Pilger-/Wandereraufkommen hin und verlaufen weitgehend eben. Natalia hat sich an die Spitze unsere Kleingruppe gesetzt und bestimmt das Tempo. Hat Sie in Conques in Kürze eine Verabredung? Ich schaue auf meine Uhr und sehe, dass wir aktuell mit einem Tempo von über sechs Stundenkilometer auf das mittelalterliche Dorf zurennen. An der Abzweigung eines steilen Weges entschließen wir uns, den längeren Abstieg über die Straße zu nehmen, um unsere Füße und Knie zu schonen.

Durch ein Tor in einem Wehrturm betreten wir das Kleinod. Zur Zeit des Aufkommens der Pilgerreisen nach Santiago de Compostela wurde das Kloster und die beeindruckende romanische Kirche Sainte-Foy zu einer der wichtigsten Stationen auf der Via Podiensis, diesem ältesten Abschnitt des Jakobsweges in Frankreich. Der kleine Ort (im Winter leben hier weniger als 100 Einwohner) gehört zu den Höhepunkten der Kulturgeschichte des südlichen Frankreich. Wir fühlen uns wie in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt.

Durch schmale und zum Teil steile Gässchen gelangen wir zum Platz vor der beeindruckenden Kirche mit ihren beiden, erst im 19. Jahrhundert vollendeten Fassadentürmen und dem weltberühmten Relief über den beiden Eingangstüren. Das Innere dieses romanischen Gotteshauses verschlägt mir fast die Sprache. Hoch wie eine gotische Kathedrale ragt das Mittelschiff mit seinem Tonnengewölbe und den typischen Rundbögen in die Höhe. Der Baubeginn der Klosterkirche liegt fast 1.000 Jahre zurück.

Die professionell organisierte Herberge mit mehreren Schlafsälen und einigen kleineren Zimmern liegt direkt hinter der Kirche. Hier sind alle Pilger wieder versammelt, auch die vier „petits vieux“, die kleinen Alten, die wir bereits häufiger getroffen haben. Außer mir gehen morgen nur noch Nicolas und Simon weiter auf dem Jakobsweg. Die beiden wurden heute Morgen noch von Michel mit Jakobsmuscheln ausgestattet und erhalten heute in der Herberge Pilgerausweise.

Nach dem hervorragenden Abendessen (Gemüsesuppe, gebackenes Hähnchen in leckerer Zwiebelsauce mit Gemüse und Brot, verschiedene Sorten Käse, Joghurt zum Nachtisch und Früchte zum Abschluss) beeilen wir uns, um zum Gottesdienst zu kommen. Es ist ergreifend, als die komplett in weiß gewandeten Mönche im Halbdunkel Choräle und andere Lieder singen. Zum Abschluss werden die Weiterpilgernden gesegnet. Danach beginnt ein mehr als halbstündiges Orgelkonzert, bei dem die riesige Kirche passend zur Musik mit wechselndem Licht erhellt wird. Welch ein glanzvoller Abschluss für Natalia, Anna und die anderen Pilger, welche morgen von hier aus die Heimreise antreten werden.

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