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(43) Glitzerkatzen im Frühling

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Montag, 19. März 2018: Saint-Chély-d’Aubrac – Saint-Côme-d’Olt (19,4 km)

Ich habe schlecht geschlafen. Die Nase ist verstopft, und ich musste zweimal auf die (Trocken-)Toilette: ausgerechtet hier, mit der steilen Treppe und den knarrenden Dielenböden! Normalerweise habe ich dieses Bedürfnis nachts nicht. An das übersichtliche französische Frühstück habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Hier gibt es keine Croissants, dafür leckeres selbstgebackenes Brot und Marmelade aus eigener Herstellung.

Als letzte machen sich Natalia, Michel und ich auf den Weg nach Saint Chély und werden dort von Nicolas und Simon eingeholt. Wir waren wohl doch nicht die Letzten. Nach der alten Brücke führt der Jakobsweg leicht bergauf um dann zunächst langsam, später steiler nach Saint-Côme-d’Olt abzufallen. Die Sonne lacht, aber irgendwie fällt mir das Laufen schwer – außer mir läuft auch meine Nase.

Meine Stimmung ist mies. Heute wird Natalia in Saint Côme übernachten, doch Michel und ich wollen weiter bis Espalion, einer kleinen Stadt am Fluss Lot. Irgendwie habe ich die polnische Französin in mein Herz geschlossen, und der Gedanke, mich heute von Ihr verabschieden zu müssen, schmerzt. So laufe ich meist alleine.

Immer wieder liegen Quarzsteine auf dem Weg, manchmal sind es ganze Quarzadern. Außerdem gibt es hier viele glitzernde Steine. Selbst die Katzen, die wir unterwegs treffen und die erstaunlich zutraulich sind, haben ein Fell, welches mit Glitzerpartikeln übersät ist. Es funkelt wie der nächtliche Sternenhimmel in einer abgelegenen Gegend ohne störende Lichtquellen.

Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Immer wieder hören wir Vogelgezwitscher, viele Sträucher und Bäume stehen in voller Blüte und duften wunderbar; hier ist der Frühling bereits angekommen. Bevor wir den nächsten Ort erreichen, geht es nochmals bergauf. Ich schniefe vor mich hin und habe, im wahrsten Sinn des Wortes, die Nase voll. In Saint-Côme-d’Olt angekommen, suchen wir eine Bar auf und machen eine Kaffeepause. Vorher jedoch bestaunen wir das alte Dorf und ganz besonders die Kirche mit dem in sich verdrehten Dach. Meine Nase läuft jetzt wie ein VW Käfer. Nach längerem Hin und Her beschließe ich, hierzubleiben.

Auf Anraten der Wirtin rufen wir Jean an; er vermietet günstige Zimmer. Wenig später steht er in der Türe, um mich in Augenschein zu nehmen und abzuholen. Das Haus ist nur wenige Meter entfernt, und ich freue mich auf ein eigenes Zimmer heute Nacht. Natalia und ich verabschieden uns von Michel und besichtigen anschließend meine Bleibe für heute Nacht. Ich habe ein Zimmer und zwei Betten zur Auswahl, ein eigenes WC und eine eigene Dusche, soll aber zum Duschen lieber das Badezimmer von Jean benutzen, da die Dusche hier oben kein warmes Wasser hat (anderer Wasserkreislauf).

Wir geben Jean unsere Wäsche, und er startet die Waschmaschine. Diese macht höllische Geräusche, und wir hoffen, die Kleidung noch in ganzen Stücken zurückzubekommen. Er hat das Gerät schon seit Längerem nicht mehr benutzt – hätten wir das vorher gewusst … Ich bringe Natalia noch zu ihrer Herberge, kaufe in der Apotheke ein scheußlich schmeckendes Pulver gegen die Erkältung und kehre in meine Bleibe zurück, um die Wäsche über dem Ofen aufzuhängen. Es ist schon fast acht Uhr und ich habe Hunger. Im Restaurant, welches an die Bar von soeben anschließt, esse ich eine Pizza, die nach wenig schmeckt. Das liegt aber wohl nicht am Essen, sondern an meinem Schnupfen. Ich habe gehört, ein oder zwei Gläser warmen Bieres sollen bei Erkältung helfen. Der hier von mir getrunkene Gerstensaft ist zwar kalt, aber ich bin durchaus bereit, Abstriche zu machen.

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