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Schnee und Eis

(42) Eis und Schnee im Aubrac

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Sonntag, 18. März 2018: Nasbinals – Saint-Chély-d’Aubrac (16,8 km)

In der Nacht hat es leicht geschneit. Die Dächer der Häuser und die umliegenden kargen Weiden sehen aus wie mit Puderzucker bestreut. Die Temperatur liegt bei null Grad. Als erster verlasse ich unsere Unterkunft gegen acht Uhr, um Baguette und Käse zu kaufen. Der Lebensmittelladen hat noch geschlossen und öffnet erst gegen neun. Immerhin, er öffnet und das an einem Sonntag. Das Baguette bekomme ich in einer Bäckerei und in einem Hotel trinke ich einen heißen Kaffee.

Um kurz nach neun ist der Käse besorgt und der Rucksack gepackt. Wir erwarten „die drei Jungen“ vor unserer Unterkunft und starten von knapp unter 1.200 Höhenmetern, um heute den mit 1.368 Metern höchsten Punkt dieses französischen Jakobsweges zu erreichen. Graue Nebelschwaden ziehen über die bei dieser Witterung eintönige Landschaft. Im Frühling und Sommer soll es hier herrlich und die Wiesen mit bunten Blumen übersät sein.

Nach dreieinhalb Kilometern verlassen wir den Weg und laufen, meist entlang von Weidezäunen, über die verschneiten Wiesen. Teilweise überqueren wir kleinere Altschneefelder, und wer Pech hat, bricht ohne Vorwarnung ein und versinkt bis zu den Knien im Schnee. Für die anderen ist das jedoch jedes Mal eine Belustigung. Der eisige Wind, welcher die Graupelkörner in die Gesichter peitscht, ist jedoch weniger zum Lachen. Ich bin froh, heute und hier nicht alleine zu sein.

In der Ferne erkennen wir Menschen, welche wie Ameisen hintereinander herlaufen. Es sieht aus, als seien es dutzende. Wenig später erblicken wir in einer anderen Richtung weitere Wanderer. Die Zahl der kleinen dunklen Punkte vor dem weißen Hintergrund nimmt immer mehr zu; es sind hunderte! Heute findet eine Käsewanderung statt. Von mehreren Startpunkten aus wandern die Menschen über unterschiedliche Entfernungen nach Aubrac und werden unterwegs in Hütten und Gasthäusern kulinarisch verwöhnt. Später erfahren wir, dass es in diesem Jahr 2.400 Teilnehmer waren. Auf unserem Pfad jedoch sind wir alleine.

Einmal hätten wir uns fast verlaufen, da die weiß-roten Wegmarkierungen an Pfählen und den wenigen Bäumen spärlich sind. Hier oben befinden sich die meisten davon auf Felsen und Steinen, was uns bei dieser Wetterlage wenig hilft. Schließlich finden wir aber doch den richtigen Weg und treffen am höchsten Punkt auf die Ameisenstraße. Kurz vor dem Ort Aubrac, dessen Kirche und der „Tour des Anglais“ sich finster von der Umgebung abheben, zweigen die Käsewanderer ab, um in einer großen Halle das Abschlussessen, natürlich mit Aligot, zu genießen. Wir begnügen uns im einzig offenen Restaurant mit Kaffee beziehungsweise heißer Schokolade und teilen uns ein riesiges Stück Birnen-Schoko-Tarte.

Der Abstieg ist sehr steil, manchmal extrem matschig, mit Geröll übersät, von umgestürzten Bäumen oder querenden Bächen versperrt, schockt mich aber nicht mehr. Vorbei an bizarren Felsformationen, welche im Nebel aussehen wie Burgruinen, laufen wir hoch konzentriert bergab und stellen bei einer kurzen Verschnaufpause fest, dass wir unsere Prinzessin verloren haben. Keiner von uns weiß, ob sie vor oder hinter uns ist, und auf lautes Rufen erhalten wir keine Antwort. Endlich wird eine Gestalt oberhalb von uns sichtbar: es ist Natalia.

Langsam lichtet sich der Nebel, und Schnee ist auch nicht mehr zu sehen. Die Schwaden wabern über die Wiesen und es sieht aus, als ob das Gras dampfen würde. Im Sonnenschein erreichen wir Saint-Chély-d’Aubrac und stellen entsetzt fest, dass unsere gebuchte Herberge circa zweieinhalb Kilometer oberhalb des Dorfes liegt. Wir rufen unseren Gastgeber Thierry an, und er holt uns mit dem Auto ab. Die vier Jüngsten nehmen hinten Platz, ich darf auf den Beifahrersitz.

Die Herberge befindet sich in einem Haus mit Küche, großem Tisch und Ofen im Erdgeschoss. Über eine steile Treppe, welche besser als Leiter zu bezeichnen ist, erreicht man das Obergeschoß mit mehreren Betten und dem Badezimmer mit Trockentoilette. Michel, Natalia und ich richten uns unter dem Dach ein und hoffen, dass die Wärme des Ofens im EG bis hier oben reicht. Anna und ihre beiden Begleiter sind bereits hier und wohnen im ersten OG. Romain hat sich im Ort verabschiedet und die beiden verbliebenen Zeltwanderer beziehen ein kleines Holzhaus weiter oben.

In großer Runde sitzen wir mit Thierry um den Tisch und jeder erzählt etwas über sich. Ich bin froh, in der Nähe des Ofens zu sitzen, denn sehr warm ist es hier nicht; das feuchte Holz will nicht so richtig brennen. Während die Dreiertruppe bei Thierry und seiner Frau im Haus speisen, kochen wir fünf Nudeln mit Tomatensoße und wärmen die Linsen von vorgestern auf. Dazu gibt es noch den regionalen Käse-Kartoffelbrei Aligot, welchen uns gestern ein Kellner noch mitgegeben hatte.

Bis heute habe ich knapp über tausend Kilometer des Jakobsweges für die Schmetterlinge geschafft, und das ohne Stürze sowie ohne Blasen oder andere körperliche Schmerzen.

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