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Erster Blick auf Le-Puy-en-Velay

(35) Endlich am Zwischenziel

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Sonntag, 11. März 2018: Saint-Paulien – Le-Puy-en-Velay (14,8 km)

Ich habe einigermaßen gut geschlafen und breche nach einem übersichtlichen französischen Frühstück um neun Uhr nach Le Puy auf. Hier besuche ich doch die interessante Kirche. Sie besteht aus einem einzigen, hallenartigen Raum. Es gibt keine Seiten- oder Querschiffe, nur eine große und finstere Halle mit einer baulich getrennten Apsis. Diese wird auf der Südostseite von zwei gewaltigen Strebepfeilern gestützt, welche auf der Nordostseite fehlen. Offensichtlich übernehmen hier größere Seitenkapellen diese Aufgabe.

In diesem Ort herrschte eine seltsame Stimmung. Ich habe keine fröhlichen Menschen gesehen; am Wetter kann es nicht gelegen haben – weder in einer der Bars noch im Hotel oder im Supermarkt schienen halbwegs glückliche Menschen zu arbeiten beziehungsweise zu verkehren. Hier fehlt schlicht Fröhlichkeit beziehungsweise ein Lächeln. Die dunkle Kirchenhalle passte dazu.

Bei Sonne und Wind laufe ich immer leicht bergab über Wirtschaftswege, vorbei an Feldern und Wiesen Richtung Südosten. Waldgebiete sind hier entlang des Jakobsweges kaum zu finden. Kurz vor Polignac geht es steil bergauf. Auf dem Gipfel des Vulkanfelsens thront eine gewaltige Burganlage, welche von einem offensichtlich intakten Bergfried überragt wird. Auch die Befestigungsmauer ist weitgehend erhalten. Von den anderen Gebäuden der Burg stehen aber nur noch einige Mauern und Fundamente. Ich statte nur der romaischen Kirche des Dorfes einen Besuch ab. Auch dieses Gotteshaus ist sehr dunkel, wird aber, wie so häufig in Frankreich, von Kronleuchtern erhellt.

Noch ein Tal muss ich durchschreiten, bevor ich endlich einen Blick auf mein erstes großes Zwischenziel werfen kann. Und der ist fantastisch: Blauer Himmel mit einigen weißen Quellwolken über den grauen Vulkankegeln und den roten Dächern von Le-Puy-en-Velay. Alles überragend steht die rosa gestrichene Statue „Notre-Dame-de-France“ am höchsten Punkt der Stadt. Darunter ist bereits die romanische Kathedrale zu erkennen, welche zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt. Steil geht es bergab und über die Borne, einen Nebenfluss der Loire, in welche er kurz hinter Le Puy mündet. Kurz hinter der Flussquerung habe ich einen hervorragenden Blick auf die Kapelle „Rocher Saint-Michel D’Aiguilhe“ (heiliger Michael auf der Nadel), welche ganz oben auf einem ehemaligen Vulkanschlot erbaut wurde.

Ich laufe in die Altstadt, und es geht nochmals bergauf an einigen geschlossenen Restaurants vorbei bis zu einem kleinen Platz, dem Beginn der „Rue des Tables“. Die Straße führt sehr steil hinauf zur romanischen Kathedrale, doch es kommt noch schlimmer: Die letzten Meter zur herrlichen Westfassade mit orientalischen Einflüssen sind über eine breite Treppe mit 123 Stufen zu überwinden. Oben angekommen stehe ich vor einem verschlossenen Portal. Der Eingang befindet sich auf der Südseite der Kirche.

Auch das Innere des Gotteshauses ist so beeindruckend, dass ich es kaum in Worte zu fassen vermag. Über dem Altar hängt ein großes Kreuz aus Kristallglas und das Kirchenschiff wird durch zahlreiche Kristallleuchter erhellt, welche jeweils in den Bögen hängen, welche die einzelnen Joche von den Seitenschiffen trennen. Ich verweile hier einige Zeit und atme die Erhabenheit dieses Ortes.

Zu meinem vorgestern bereits gebuchten Hotel geht es über Eselsstufen wieder bergab an der Jugendherberge vorbei. Ich bin froh, hier nicht abgestiegen zu sein, denn später erfahre ich, dass das Haus fast zur Gänze belegt ist und die Gäste kaum Ruhe finden. Am Platz gegenüber des Schlosses, welches heute die Präfektur des Départements Haute-Loire beherbergt, mache ich noch eine längere Pause und genieße zwei kleine Bier in der Sonne. Es ist hier so warm, dass ich fast versucht bin, mein langärmeliges Shirt auszuziehen, wovon ich jedoch Abstand nehme, da ich nicht im Unterhemd an der Straße sitzen möchte.

In meiner Unterkunft riecht es im Eingangsbereich etwas muffig, jedoch wird der Geruch von dem des Putzmittels überlagert. Diese Mischung ist auch nicht angenehmer als die einzelnen Gerüche. Mein Zimmer allerdings ist geräumig, modern ausgestattet und riecht neutral. Hier kann ich endlich das Video für die Schmetterlings-Kinder aufnehmen, mit vielen Fotos anreichern und dank gutem Internetanschluss auch hochladen. Am Abend esse ich „endlich“ die Pizza, welche mir gestern bereits das Wasser im Munde hat zusammenlaufen lassen.

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