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Bahndamm

(23) Ein Bahndamm und kein Ende

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
  • 2 Kommentare

Dienstag, 27. Februar 2018: Le Thil – Cluny (31,2km)

Bei herrlichem Sonnenschein und klirrender Kälte verlasse ich nach einem ausgiebigen Frühstück ausgeruht meine Unterkunft. Direkt im ersten Ort verpasse ich den Einstieg auf den Jakobsweg und muss einen Umweg von fast zwei Kilometern in Kauf nehmen. In leichtem Auf und Ab folge ich dem nur noch spärlich ausgeschilderten Weg vorbei an Viehweiden und Äckern. Rebflächen sind jetzt nur noch selten anzutreffen. Vor Saint-Genoux-le-National geht es steil bergab.

Ich entschließe mich zu einem Abstecher in das mittelalterliche Städtchen. Die beiden Türme könnten verschiedener kaum sein und sind durch eine hölzerne Brücke in luftiger Höhe miteinander verbunden. Nach einer kleinen Kaffeepause laufe ich weiter; es ist schon nach zwölf Uhr. Was mich jetzt erwartet grenzt an leichte Folter. Der geteerte Weg führt, teilweise über mehrere Kilometer ohne jede Biegung, auf einem ehemaligen Bahndamm Richtung Süden. Keine Menschen, keine Abwechslung. Einfach langweilig. Die Füße und der Rücken schmerzen. Nach ca. 20 km eintöniger Strecke liegt mein Etappenziel vor mir: Cluny.

Meine Unterkunft ist schnell gefunden. Ich stelle nur meine Sachen ab, um Cluny zu erkunden. Dieser Ort ist unglaublich. Nicht nur das mittelalterliche Erscheinungsbild und die frühere Bedeutung sind faszinierend. Hier ist Leben, hier sind Menschen auf der Straße. An der Hauptstraße reiht sich ein Laden an den nächsten: Restaurants, Bistros und Cafés. Dabei ist das Nest mit knapp 5.000 Einwohnern kleiner als Chagny oder Steinheim, der Ort meiner Kindheit und Jugend.

Cluny war einst einer der bedeutendsten Orte der christlichen Welt und hatte lange Zeit die mit Abstand größte Kirche der Christenheit. Dieses zwar hohe aber nicht gerade besonders imposant wirkende Gotteshaus? Als ich aus meinem Hotel komme, laufe ich an einer Tafel vorbei, welche mir das ganze Ausmaß der Katastrophe vor Augen führt. Unter Napoleon wurde der Großteil der gigantischen Kathedrale gesprengt und diente quasi als Steinbruch. Wikipedia: „Cluny III war bis zum Wiederaufbau von Sankt Peter im Vatikan der größte Kirchenbau der Christenheit mit einem fünfschiffigen Langhaus von 187 m Länge und zwei Querschiffen, von denen heute nur noch letztere teilweise erhalten sind.“ Zum Vergleich: Das Hauptschiff des Kölner Doms, das noch heute längste Kirchenschiff Deutschlands, misst „nur“ 144 Meter.

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2 Kommentare

  • Anton P.

    Hallo Frank,
    Cluny hat etwas Historisches („tempi passati“), Taizé (auf dem Weg) etwas lebendig Spirituelles.

    Weiter eine gute, gesunde Wanderung mit erfrischenden Eindrücken!
    Anton P.

  • Matthias

    mit Karte – find ich gut