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Morgenstimmung

(17) Schwankend zum nächsten Kloster

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Mittwoch, 21. Februar 2018: Brans – Mont Roland (21,8 km)

Nach dem gestrigen Abendessen, einer Karotten-Kartoffelsuppe, Entenleberpastete mit Kartoffelauflauf, Salat und natürlich Käse und einem Glas Rotwein habe ich zunächst gut geschlafen. Als ich noch vor zwölf Uhr das erste Mal erwache, schwitze ich unter der Zusatzdecke; also weg damit und Heizung runterdrehen. Nach weiteren zwei Stunden ist es so kalt, dass ich mir eine lange Unterhose anziehe und die Heizung wieder etwas höherdrehe. Die Nacht ist durchwachsen und nur bedingt erholsam.

Der Sonnenschein schafft es heute nur bedingt, meine Laune zu heben. Würde es doch bei mir so einfach funktionieren wie beim kleinen Schloss in Brans. Noch gestern lag es düster u8nd halb verfallen in der aufziehenden Abenddämmerung. Unfreundlich und abweisend. Heute strahlt es in güldenem Glanz als erwarte es geduldig die Ankunft seiner Bewohner von hohem Stand.

In gleiches goldenes Licht getaucht präsentieren sich die Felder und Hügel der Gegend. Der Weg verläuft nach einiger Zeit entlang eines prall gefüllten Baches, um diesen dann zu queren. Nein, nicht ÜBERqueren, queren. Wie soll ich denn da rüberkommen? Mit dem Stock prüfe ich die Tiefe: mindestens 20 bis 30 cm. Zu tief, um mit einem beherzten Sprung das andere Ufer zu erreichen. An einer schmaleren Stelle versuche ich mein Glück erneut. Hier ist der Bach mindestens einen halben Meter tief. Trotzdem wage ich unter Zuhilfenahme der Stöcke den Satz über das Fließgewässer. Auf der anderen Seite verfange ich mich im Gestrüpp, kann mir aber auch ohne Machete oder andere Werkzeuge den Weg hindurchbahnen.

Kurze Zeit später geht es steil bergauf. Hier sind die Matschwege besonders tückisch. Ich muss höllisch aufpassen, beim Laufen nicht abzurutschen und vornüber in den Matsch zu fallen. Wenig später wird der Weg deutlich besser und ich erreiche das auf einem Hügel gelegene Dorf Offlanges. Wieder fallen mir die Briefkästen auf, welche meist zu mehreren gebündelt außerhalb der Häuser stehen. Das erspart dem Briefträger sicherlich viel Arbeit. Aus Deutschland kenne ich sowas nicht. Außer Briefkästen und einem netten Blick auf die Landschaft hat das Dorf mir nichts zu bieten. Hier bellen noch nicht mal die Hunde; vielleicht liegt der einzige hier begraben.

In Moissey dagegen steppt der Bär. Das Dorf liegt an einer vielbefahrenen Straße und besitzt eine Bäckerei. Oder ist es ein Tante-Emma-Laden. Vielleicht auch eine Kneipe? Nennen wir es einen sozialen Treffpunkt. Hier mache ich eine Kaffeepause und kaufe ein belegtes Baguette. Danach geht es wieder zurück in den Wald. Ich glaube, ich habe ein Déja-vu: Wieder ein Bach, welcher über den Weg fließt, nur breiter als vorhin. Während ich mich noch frage, wie das den jetzt gehen soll, entdecke ich etwas versteckt einige Betonplanken, welche als Brücke dienen. Also gehe ich langsam darüber und bleibe mit dem Rucksack in den Zweigen eines umgestürzten Baumes hängen. Mit Händen und Stöcken rudernd finde ich mein Gleichgewicht wieder und habe mich gleichzeitig aus dem Baum befreit und das rettende Ufer erreicht.

Auf der Höhe angekommen laufe ich an einem Steinernen Kreuz nach rechts auf einem breiten Waldweg eine gefühlte Ewigkeit geradeaus. Aus dem Wald geht es auf eine zugige Anhöhe. Ich ziehe also wieder ein Buffy als Stirnband an und trotze dem Wind. Vor mir taucht jetzt die dunkelgraue Silhouette der Kirche von Mont Roland am Horizont auf. Ich muss also nochmals ins Tal um dann den gegenüberliegenden Hügel zu erklimmen.

In Jouhe, dem im Tal gelegenen Dorf, mache ich Rast in einem Bushäuschen, wer hätte es gedacht. Das halbe Baguette ist schnell verzehrt und ich mache mich an den Aufstieg zum Mont Roland. Wieder ist volle Konzentration gefragt. Die Fußspuren, die ich hinterlasse, gleichen denen eines Jetis mit Schuhgröße 60+. Bei jedem Schritt rutscht der Schuh nach hinten oder zur Seite weg. Doch das Kloster ist schnell erreicht und verschlossen.

Die gestrigen Bemühungen von Claude Mignon, mir eine Bleibe für heute Nacht zu besorgen, waren leider erfolglos. Eine Dame, welche Betten an Pilger vermietet, ist krank und in der anderen Herberge des nächsten Ortes ist die Heizung ausgefallen und es gibt kein heißes Wasser. Bevor ich die paar Kilometer in die nächste Stadt Dole in Angriff nehme, frage ich doch im Hotel auf dem Berg an. Statt 85 Euro zahle ich als Pilger nur 60 Euro. Der Preis ist ok und ich bleibe hier. Bereits deutlich vor dem Abendessen sitze ich im Lokal und wärme mich am Feuer des riesigen Kamins.

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