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Schmetterlingsmauer

(15) Sonne hebt die Stimmung

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Dienstag, 13. Februar 2018: Gy – Marnay (18,8km)

Es ist unglaublich. Obwohl das Thermometer minus sechs Grad anzeigt, freue ich mich auf die heutige Etappe. Oder vielleicht gerade deshalb? Ich weiß, dass ich gut ausgerüstet bin und den tiefen Temperaturen gut trotzen kann. Der Matsch wird vereist sein und die geteerten Wege und Straßen hoffentlich nicht glatt. Die Sonne hebt meine Stimmung enorm. Ich nutze die Gelegenheit, erneut kurz zu duschen, packe meine Sachen und gehe zum Frühstück.

Kurz nach dem Verlassen des Hotels bin ich an der Apotheke des Ortes, wo sich der Jakobsweg gabelt: Die eine Variante führt nach Vezelay, der andere Weg über Le Puy en Velay nach Santiago de Compostela. Kurz vor St. Jean-Pied-de-Port am Fuße der Pyrenäen treffen beide Wege wieder aufeinander. Ich wähle die südliche Variante über Le Puy und laufe steil bergauf in das Oberdorf, wo sich die Ende des 18. Jahrhunderts erbaute Kirche sowie ein kleines Schloss befinden. Sowohl die Kirche als auch das Rathaus erscheinen mir viel zu groß für das Dorf.

Schnell habe ich Gy verlassen und Die Sonne begleitet mich in den Morgen. Nach knapp zwei Kilometern verschwindet der Weg im Wald und ich mit ihm. Plötzlich ein Geräusch vor mir. Es klingt genauso wie das, welches ich heute verursache. Das Knirschen und Knacken der gefrorenen Erde und des Grases klingt nach den vielen Tagen des Wanderns durch teigartigen Matsch wie Musik in meinen Ohren. Vor mir wird die Gestalt immer größer und ich fasse es kaum, tatsächlich einem anderen Wanderer begegne. Nach den Spaziergängern am vorletzten Wochenende die erste Menschenbegegnung außerhalb geschlossener Ortschaften, abgesehen von denen, die am Rande des Weges beruflich zu tun hatten.

Nach dem Dorf Autoreille geht es erneut ein kurzes Stück durch den Wald und dann über die D11. Hier gehe ich rechts und folge dann links einem verlockenden Weg in den nächsten Wald. Nach einem Kilometer stelle ich fest, dass ich den falschen Pfad gewählt habe. Zurücklaufen möchte ich nicht, und so wähle ich einen langen geraden Weg, welcher mich wieder auf den richtigen Weg führen soll. Im Zickzack gehe ich später am Waldrand entlang auf silbern glitzernden, sonnengefluteten und gefrorenen Äckern und Wiesen weiter nach Süden.

Endlich wieder auf dem noch immer durch die stilisierten gelben Muscheln auf dunkelblauem Grund ausgeschilderten Jakobsweg, welcher mich wieder in den Wald bringt. Über eine Stunde geht es fast immer geradeaus auf den üblichen Wegen, welche sich langsam in ihrer Konsistenz ändern und wieder denen der letzten Tage ähneln. Gegen halb zwei erreiche ich das Dorf Marnay am nördlichen Ufer des Ognon. Es macht einen recht gepflegten Eindruck, und hier gibt es tatsächlich menschliches Leben. In einer Pizzeria kann ich sogar einen Kaffee trinken.

Hier fährt ein Bus, welcher mich nach Besançon bringt, von wo aus ich mit dem Zug nach Dole komme. Also unterbreche ich heute hier meinen Camino, um nach Deutschland zu fahren, dort am Donnerstag und Freitag Termine wahr- und am Wochenende an einem Seminar teilzunehmen. Nächste Woche steige ich dann hier in Marnay wieder ein.

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