Wanderweg

(14) Noch mehr Matsch

  • Frank Derricks
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Montag, 12. Februar 2018: Recologne-lès-Rioz – Gy (20,2km)

Um kurz nach acht bin ich beim Frühstück. Meine Befürchtungen, in der Nacht schlecht zu schlafen, haben sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Obwohl die Matratze des breiten Bettes sehr weich ist, habe ich sogar außergewöhnlich gut geschlafen. Zusammen mit den beiden Enkelinnen des Hauses frühstücke ich in der Küche. Die Kinder haben Ferien und lassen sich von Oma und Opa verwöhnen. Auch ich werde nicht vernachlässigt. Frau Travaillot macht mir ein großes Sandwich mit Schinken für unterwegs. Die Verpflegung auf der Wanderung ist also gesichert.

Fast hätte ich den Stempel für den Pilgerausweis vergessen. Zum Glück ist Herr Travaillot auch Bürgermeister des Dorfes und kann den Ausweis mit dem offiziellen Stempel der Gemeinde verzieren. Nach der Verabschiedung verlasse ich das Dorf über die Hauptstraße Richtung Westen. Erst ein Stück auf der Straße D192, dann auf einem Feldweg. Die Pfützen sind gefroren und manchmal ist es glatt; einmal wäre ich fast ausgerutscht.

Als ich in den Wald komme, staune ich über einen vergleichsweise guten Weg. Primär liegt es wohl am leichten Frost. Der Boden ist teilweise noch leicht gefroren und es lässt sich einigermaßen gut darauf laufen. Für ein kurzes Stück verlasse ich den Wald um nach der Überquerung der D3 wieder darin zu verschwinden. Nachdem ich kurz zuvor noch einiges an Höhe verloren habe, geht es jetzt wieder recht steil bergauf. Braunes Laub verdeckt den Weg, und ich muss aufpassen, beim Anstieg nicht vornüber zu fallen und den Boden zu küssen.

Auf der Höhe angekommen sehe ich viele Spuren von Schwarzwild. Ich hoffe, dass die Viecher sich jetzt irgendwo ausruhen und sich von mir nicht gestört fühlen. Für über vier Kilometer geht es über einen extrem matschigen Weg durch die im Sommer grüne, aber jetzt braune Hölle. Beim steilen Abstieg merke ich, dass ich wie auf Eiern laufe und kaum noch Halt habe. Stöcke und Schuhe sind deutlich schwerer geworden. Ich trage gefühlt mehrere Kilo Laub und Matsch mit mir. Vor einem Bushäuschen entferne ich das Gröbste davon, bevor ich nach einer kurzen Rast weiterlaufe.

Nach einer erneuten Straßenüberquerung ist der Weg ganz passabel. Auf einer Wiese sehe ich wieder drei Tiere. Zuerst denke ich, dass es Pferde sind, aber dafür sind sie zu klein, für Rehe aber zu groß. Also wird es sich wohl um Rotwild handeln. Während ich auf der Höhe durch die Heidelandschaft laufe, freue ich mich nach den letzten Tagen besonders über die Sonne. Stetig bergab laufe ich nach Bucey-lès-Gy. Vorbei am Friedhof und der ebenfalls oberhalb des Ortes gelegenen und natürlich verschlossenen Kirche.

Im Ort angekommen ist es bei strahlendem Sonnenschein auf dem kleinen Dorfplatz Zeit für eine weitere Pause, bei der ich auch einen Teil des Sandwichs verzehre; den Rest behalte ich für morgen. Als ich weiterlaufe, unterhalte ich mich kurz mit einer älteren Dame. Sie ist der erste Mensch, dem ich heute begegne. Kurz vor dem Verlassen des teilweise verfallenen Dorfes fängt es wieder leicht an zu schneien. Im parkähnlichen Garten zur Rechten steht die wahrscheinlich größte Kiefer, die ich bisher gesehen habe. Ich glaube nicht, dass ich es erleben werde, dass die Bäume im Freudenstädter Garten so groß werden.

Um nicht weiter am Straßenrand laufen zu müssen, biege ich links in einen Feldweg ein. Die im Licht der tiefstehenden Sonne silbrig glänzenden feuchten Fahrspuren werden durch einen leicht erhöhten Grasstreifen voneinander getrennt. Es dauert nicht lange und die Sonne wird von dunklen Wolken verdeckt. Hoffentlich schaffe ich es noch rechtzeitig in das nächste Dorf oder zu einem Unterstand, bevor es anfängt zu regnen oder zu schneien.

Der Niederschlag bleibt aus, und trocken erreiche ich nach 20 km mein Etappenziel, das gut 1.000 Einwohner zählende Gy. Das Hotel öffnet erst um 17 Uhr, also habe ich noch drei Stunden zum Arbeiten. Aber wo? Das Dorf ist eine einzige Straßenbaustelle. Außer einem Kiosk hat hier nichts geöffnet. Kein Restaurant oder Bistro, keine Bäckerei oder Café, nichts. Der Metzger öffnet nur ca. 28 Stunden pro Woche und ein Restaurant serviert lokale Spezialitäten zwischen 12 und 13 Uhr beziehungsweise zwischen 19 und 20 Uhr. Pünktlich um 16 Uhr lassen die Bauarbeiter die Arbeit ruhen. Genau zu dieser Zeit öffnet dann auch die kleine Spiel-Spelunke und ich trinke dort einen Kaffee.

Im Hotel angekommen, genehmige ich mir etwas Bettruhe. Das ist schon eine merkwürdige Gegend hier. Ist das überall in Frankreich so? Jedes 1.000-Seelen-Dorf hat ein Tourismusbüro, dass aber meist ganztägig geschlossen oder zumindest nicht besetzt ist. Und was sollen Touristen hier? Geldausgeben ist fast nicht möglich, da ja kaum eine Lokalität geöffnet hat. Wandern im Wald ist außer zwischen Juni und September nicht empfehlenswert. Ich verstehe das nicht und freue mich auf die geplante Arbeitsauszeit ab übermorgen.

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