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  • Frank Derricks
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Im Juni 2018: Muxia, Santiago de Compostela

Hermine und ich laufen sehr entspannt vom Leuchtturm zunächst bergauf zurück Richtung Fisterra. Wir genießen die Einsamkeit hier oben auf dem Hügel der Landzunge. Am Kap war es dann doch schon recht voll. Mit Reisebussen werden die Menschenmassen hierhin gekarrt; ein Bus hatte sogar Rottweiler Kennzeichen. Die Ausblicke sind atemberaubend. Hinter uns der unendlich weite Ozean mit dem Leuchtturm davor, der mit jedem unserer Schritte etwas kleiner zu werden scheint. Auch links und rechts ist nur Wasser zu sehen. Vor uns der schmale und blumenbewachsene Bergrücken, der jetzt abfällt.

Durch eine urwaldartige Landschaft laufen wir am Rand in Richtung Fisterra, gehen aber nicht mehr in den Ort, sondern laufen am Ortsrand Richtung Muxia. Es ist heute sehr warm, und uns droht das Wasser auszugehen. Glücklicherweise sitzt auf der Treppe vor einem weiß getünchten Haus eine junge Frau, die auf ihren Abholer wartet. Obwohl dieser fast zeitgleich mit uns vor der Haustüre auftaucht, geht sie mit unseren leeren Flaschen zurück uns Haus, um sie aufzufüllen. Danke für die Hilfsbereitschaft.

Mit gefüllten Flaschen laufen wir weiter, aber irgendwie ist die Luft raus. Das Ziel, Kap Finisterre, ist erreicht, wir sind zufrieden, da schwindet die Lust am Laufen. Ohne lange zu zögern, hat Hermine auch schon ein Auto angehalten, aber der Fahrer fährt nur noch ein paar hundert Meter und ist dann daheim. Keine Minute später hält ein alter, verrosteter 190er Mercedes in Weiß. Der Stern fehlt, und auch sonst macht das Gefährt den Eindruck, als würde es vom deutschen TÜV rückwirkend stillgelegt. Uns ist das egal, denn der freundliche Fahrer nimmt uns gerne einige Kilometer mit. Zum Abschluss eines netten Gesprächs schenkt er uns noch eine Flasche Rotwein. Da ist der Abend ja gerettet.

Die letzten Kilometer bis nach Lires laufen wir durch einen dichten Wald, können aber immer wieder Blicke auf das blaue Meer erhaschen. An einer Strandbar angekommen, genießen wir ein verspätetes Mittagessen. Es ist voll hier: die spanische Großfamilie am langen Nebentisch erfreut sich lautstark an unglaublich vielen Köstlichkeiten. Neben Fisch und Meeresfrüchten brutzeln auf dem großen Grill auch Spare Ribs und andere fleischliche Leckereien. Die Kinder tollen herum und spielen unter anderem mit bunter Knetmasse. Es ist wundervoll, diesem gelassenen Treiben zuzusehen.

Am Abend sind wir tatsächlich froh, in unserer Pension den geschenkten Rotwein zu öffnen. Es regnet, deshalb ist dauert unser Ausflug in den kleinen Ort nur kurz. Ein richtiges Restaurant ist nicht zu finden, also begnügen wir uns mir Toast. Nicht schlimm, denn wir haben ja spät zu Mittag gegessen.

Am nächsten Morgen schaffen wir es gerade noch, trocken die Strandbar zu erreichen – es regnet nun in Strömen; mit dem Strandspaziergang wird das wohl heute nichts mehr. Vom Meer her zieht auch noch Nebel auf, und durch den Wind ist es jetzt ziemlich ungemütlich geworden. Bei dem Wetter nach Muxia laufen? Auf keinen Fall, das Pilger-Projekt ist beendet! Wir beschließen, ein Taxi zu bestellen.

Das Wetter in Muxia ist etwas besser, aber weiterhin sehr unbeständig. Auf eine Phase mit Sonnenschein folgen ganz schnell Regen oder nieselartiger Nebel. Wir erkunden den Ort und laufen natürlich bis zu den Klippen. Hier soll die Jungfrau Maria dem Apostel Jakobus auf einem steinernen Schiff erschienen sein und ihm Mut für die Missionierung der iberischen Halbinsel zugesprochen haben. Schon wieder essen: Wir lassen es uns heute gutgehen und genießen die lokalen Spezialitäten aus dem Meer. Der Abend wird jedoch kurz, da unser Bus morgen bereits vor sieben Uhr die Stadt Richtung Santiago verlassen wird.

Mit einer halben Stunde Verspätung erreichen wir am Montagmorgen Santiago. Das Wetter ist trüb und grau, es regnet ohne Unterlass. Glücklicherweise können wir unser Hotelzimmer recht früh, also nach dem hier so tollen Frühstück, beziehen. Auch aus dem ausgedehnten Stadtbummel wird bei dem Wetter wohl nichts. Während Hermine sich einige „Gschäfterl“ von innen ansieht, sitze ich in einem Café und arbeite. Am Abend klappt es tatsächlich, dass wir gemeinsam mit Livia und Dominic zu Abend essen. Nach reichlich Tapas lassen wir den Abend bei einem Glas Wein unweit unseres Hotels ausklingen. Es ist unglaublich schön, dieses Camino-Pärchen nochmal getroffen zu haben, hoffentlich gibt es ein weiteres Wiedersehen.

An unserem letzten Morgen haben wir bereits alle Sachen gepackt, als wir zum Frühstück gehen. Es ist der Tag der Abreise. Am Flughafen geht alles reibungslos, selbst die Wanderstöcke von Hermine sind kein Problem. Wir haben sie heute nicht mit dem Rucksack verzurrt, sondern geben sie getrennt auf. Und tatsächlich kommen alle Gepäckstücke nach einem ruhigen Flug in Zürich an. Wir sind gelassen und entspannt, können aber wohl noch nicht so ganz realisieren, dass die Reise nun zu Ende ist. Mit dem Zug fahren wir bis Horb, wo wir von meinen Eltern abgeholt werden. Ich bin jetzt wieder daheim. Was ist das? Zuhause? Und jetzt soll ich viele Nächte hintereinander im selben Bett schlafen? Ich bin gespannt, wie die ersten Tage im Schwarzwald werden.

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1 Kommentar

  • Erika Ballmann-Hellstern

    Hallo ihr zwei,
    ich bin unheimlich bewegt in Anbetracht das was ihr beide miteinander ‚geleistet‘ und erlebt habt !
    Ich bin vor a!lern Dingen stolz auf meine Freundin Hermine -und freue mich von Herzen fuer sie und mit ihr !!! Ich wünsche euch nun ein schönes Leben zu Hause !
    Ganz liebe Gruesse von uns – Erika und Thomas