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(108-111) Das Meer ruft

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
  • 3 Kommentare

Freitag, 1. Juni 2018: Santiago de Compostela – Fisterra (91,3 km)

Wir genießen noch einmal das leckere Frühstück in unserem kleinen Hotel in Santiago, bevor wir die Rucksäcke schultern und uns wieder auf den Weg machen. Vor dem Verlassen der Stadt verabschieden wir uns noch von Mama und Trude. Vor uns liegen circa 90 Kilometer durch das grüne Galizien bis zum Atlantik.

Vom großen Platz vor der Kathedrale, auf dem sich schon wieder viele neu angekommene Pilger versammelt haben und den erhebenden Augenblick genießen, laufen wir am 5-Sterne-Hotel Parador vorbei auf einer kleinen Straße wieder den gelben Pfeilen nach. Bereits nach weniger als einem Kilometer haben wir die Stadt verlassen. Auch jetzt stehen am Wegesrand in unregelmäßigen Abständen die Kilometersteine mit Entfernungsangaben bis zum Cap Finisterre. Wer will das eigentlich wissen? Ich jedenfalls nicht! Mir würde das so alle zehn bis zwanzig Kilometer reichen.

Dieses Galizien ist auch hier sehr hügelig. Immer wieder geht es hoch und runter. Bis zum Cap werden wir ca. 2.700 Höhenmeter aufwärts und auch wieder bergab überwunden haben. Beim Blick zurück können wir im nebligen Grau noch gut die Silhouette der Kathedrale mit ihren drei Türmen erkennen. Trotz eines steilen Aufstiegs ist der erste Tag nicht sonderlich anstrengend.

Auch am zweiten Tag laufen wir abwechselnd mal durch Eichen-, Kiefern- und Eukalyptuswälder und dann wieder vorbei an Weiden und Feldern. In den kleinen, verstreut liegenden Dörfern stehen viele Grundstücke und Häuser zum Verkauf. Manche der Dörfer sind bereits halb verfallen.

Das Wetter ist an den ersten beiden Tagen trüb aber trocken. Erst am dritten Tag müssen wir die Regensachen anziehen. Es nieselt nur, ist aber zu viel, um ohne Regenschutz zu laufen. Wir lassen uns die gute Laune durch das Wasser vom Himmel jedoch nicht verderben. Die Stimmung steigt noch weiter, als wir das erste Mal das blaue Meer erblicken. Jetzt sind es noch einige Kilometer auf einem guten Weg steil bergab nach Cee, wo wir in einer schönen Pension übernachten. In Corcubión feiern wir die Ankunft am Wasser und essen lecker zu Abend, um uns für die letzte Etappe zu stärken.

Nach einem kleinen Frühstück starten wir nach Fisterra und werden schon bald erneut von einem Regenschauer überrascht. Das Wetter ändert sich hier an der Küste rasend schnell. Keine Stunde nachdem der Regen eingesetzt hat, scheint schon wieder die Sonne. Noch etwas später laufen wir barfuß am zwei Kilometer langen Sandstrand durch das erfrischende und belebende Wasser des Atlantik und sammeln Muscheln. Es ist herrlich, Hermine so glücklich zu sehen – Wasser ist ihr Element.

In Fisterra kehren wir in einer wenig einladend aussehenden Bar ein, um ein Bocadillo zu essen. Offensichtlich kommt das Ding direkt aus dem Kühlschrank oder der Tiefkühltruhe und wurde aufgebacken. Das Brot ist schön kross, aber der spärliche Belag aus Schinken und Käse ist eiskalt. Das Abendessen wiederum entschädigt für vieles: Auf Empfehlung von Carla, einer deutschen Cafébetreiberin, essen wir im „O Pirata“ frischen Wolfsbarsch, der noch nie Bewohner einer Kühltruhe gewesen ist, sondern heute Morgen noch in seiner ursprünglichen Umgebung lebte.

Wir haben unsere Pläne geändert und gehen erst morgen zum Cap Finisterre. Heute Abend fahren wir mit einem kleinen Schiff raus auf’s Meer. Erst geht die Fahrt vorbei am langen Sandstrand von heute Morgen und dann weiter an der Küste entlang. Langsam sinkt die Sonne dem Horizont entgegen, als das Boot auf das Cap zusteuert. Die Wellen werden heftiger und sind für Landeier wie uns deutlich spürbar. Es schaukelt auf und ab, rechts und links. Der Sonnenuntergang am Leuchtturm ist dafür herrlich. Danke für diesen wundervollen Tag.

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3 Kommentare

  • EVA SCHEUSS

    Wie herrlich!!!

  • Matthias

    Hallo Frank,

    wunderschöne Bilder, Fingerhut und Kathedrale, blaues Meer…

    Ich frage mich immer noch, wo die Silbe nis bei Fisterra geblieben ist, so ist das doch nur ein halbes Ende der Welt. PS: Ich freue mich auf die weiteren Blog-Einträge, die du in 112 ankündigst. So geht es doch weiter am Ende der Welt.

    Matthias

    • Frank Derricks

      Hallo Matthias,
      bitte entschuldige die späte Antwort. Die ersten Wochen im „alten Leben“ waren etwas holperig. Langsam komme ich in einen neuen Alltag und finde sicher bald auch wieder mehr Muße, zu schreiben. Einen neuen Beitrag gibt es schon.
      Liebe Grüße aus Freudenstadt
      Frank