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(107) Immer wieder warten

  • Frank Derricks
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Montag, 28. April 2018: Santiago de Compostela (Pausentag)

Wir sind bereits gegen acht Uhr unten und möchten frühstücken, aber die erste Mahlzeit des Tages gibt es hier erst ab halb neun. Also warten wir mit frischem Tee, bis alles bereit ist. Dafür ist das Desayuno dann auch köstlich. Hermine kann soviel Tee trinken wie sich möchte, und wir bereiten uns ein Müsli mit viel frischem Obst und Joghurt zu.

Wir starten einen Rundgang durch die Stadt, welche zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, und überlegen uns, was wir heute unternehmen wollen. Okay, das ist zum einen die Pilgermesse in der Kathedrale und die Compostela, welche wir abholen wollen. Bis zum Beginn der Messe ist noch reichlich Zeit, also laufen wir zunächst ins Pilgerbüro. Hier steht bereits eine lange Schlange. Die Menschen, welche schon fast am Ziel sind, haben über anderthalb Stunden angestanden. Das erscheint uns deutlich zu lange. Außerdem wird es dann knapp mit der Pilgermesse.

Also gehen wir zurück zur Kathedrale und besichtigen dieses faszinierende Bauwerk. Weil die hier gefundenen Gebeine als Reliquien des Jakobus durch den Papst anerkannt wurden, gilt die Kathedrale von Santiago als Grabeskirche des Apostels Jakobus. Die Gruft mit einem silbernen Schrein, der die Gebeine des Jakobus enthält, befindet sich unter dem von einem vergoldeten Baldachin geschmückten Altar. Das barocke Kunstwerk ist an Fülle und Pracht kaum zu überbieten: Alles glänzt gülden; Besucher erstarren fast unweigerlich in Ehrfurcht – das war wohl auch der Sinn der Erschaffer dieser opulenten Symphonie in Gold.

Hinter dem Altar führt eine schmale Treppe hinauf zur reichlich mit Edelsteinen besetzten Büste des Jakobus, welche von hinten umarmt werden kann. Von hier oben blickt man über den Altar durch das insgesamt fast 100 Meter lange, achteinhalb Meter breite und fast zwanzig Meter hohe Mittelschiff auf den „Pórtico de la Gloria“, das berühmte Westportal der Kirche. Dieses wird allerdings nur in sogenannten „heiligen Jahren“ geöffnet, wenn der Jakobustag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Faszinierend ist der Gegensatz von schlichter, romanischer Architektur mit einfachen Rundbögen und Tonnengewölben zum barocken Überschwang des Altars, der Westfassade und der Türme.

Hermine bleibt im Gotteshaus und hält ein Plätzchen für mich frei, damit ich draußen noch arbeiten kann. In der knappen Stunde, die ich am Rechner sitze, hätte sie den Platz mindestens 50-mal verkaufen können. Ich bin froh, dass ich eine halbe Stunde vor dem Beginn der Messe überhaupt noch in die Kirche gelassen werde. Es ist brechend voll und immer wieder muss ein Ordnungshüter die Menschen auffordern, in diesem Gemäuer Stille zu bewahren.

Die Messe ist feierlich und wird begleitet vom glockenhellen Gesang einer älteren Nonne. Immer wieder erklingt natürlich auch die Orgel, welche in der in Spanien üblichen Bauweise auch viele horizontal angebrachte Pfeifen aufweist; das gigantische Instrument sieht irgendwie unheimlich aus. Nach dem Hochamt wird auch heute der Botafumeiro geschwungen. Das circa 1,60 Meter große Weihrauchfass hängt an einem 66 Meter langen Seil und wird bis knapp unter die Decke der Querschiffe geschwungen. Ein beeindruckendes Schauspiel, das ursprünglich auch dazu diente, den Geruch der Pilger zu neutralisieren, welche hier im Mittelalter teilweise die ganze Nacht vor der Messe verbrachten.

Nach der Pilgermesse sind wir durstig und zahlen für zwei Radler satte zehn Euro. Die Preise weisen hier eine große Spannbreite auf, und es ist auch nicht gesagt, dass es mit zunehmender Entfernung zur Kathedrale günstiger wird. Das System, falls es eines gibt, habe ich noch nicht durchschaut. Mit meiner Mama und Trude genießen wir wenig später herrliche Tapas, die köstlich schmecken und sind über den günstigen Preis erstaunt.

Santiago wurde um 830 zum Wallfahrtsort ernannt und gehörte neben Rom und Jerusalem zu den bedeutendsten christlichen Pilgerzielen des Mittelalters. Im vergangenen Jahr erreichten über 300.000 Pilger das Pilgerbüro der Stadt. Heute sind auch Hermine und ich darunter. Die Schlange ist noch länger als heute Morgen. Wir stellen uns hinten an, und nach einer gewissen Zeit verfliegt sogar meine schlechte Laune. Eigentlich hasse ich Warten, füge mich aber in mein Schicksal. Nach fast zweieinhalb Stunden halten wir endlich die begehrte Urkunde (Compostela) in der Hand und kehren in unser Hotel zurück.

Am Abend sind wir wieder verabredet und stellen fest, dass wir von der Stadt kaum etwas gesehen haben. Das müssen wir nachholen. Morgen geht es in Richtung Westen. Soweit, bis man schwimmen müsste, um Amerika noch näher zu kommen; ich werde erst wieder aus Finisterre berichten, also wenn wir unser Ziel erreicht haben, das Ende der Welt.

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