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(103) Noch mehr Pilger

  • Frank Derricks
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Donnerstag, 24. Mai 2018: Portomarín – Palas de Rei (25,6 km)

Toastadas mit wenig Butter und Marmelade zum Frühstück: Davon können wir nicht dick werden. Zusätzlich nur mit frischem Orangensaft und Tee beziehungsweise Kaffee gestärkt verlassen wir die Stadt. Wieder geht es zunächst steil und dann mäßiger aber stetig bergauf. Meine Statistik verrät mir, dass wir jeden Tag gut 500 Höhenmeter auf- und auch abwärts gehen – das ist kein Flachlandspaziergang!

Es ist eine wundervolle und häufig mystische Landschaft. Im bergigen Galizien ist eine wirtschaftliche Bodennutzung sehr schwer. Außerdem sind die einzelnen Flächen durch die traditionelle Erbteilung teilweise sehr klein. Das sind Gründe für die Armut des Landes, in dem bereits in vorrömischer Zeit die Kelten siedelten. Viele Traditionen keltischen Ursprungs sind bis in die heutige Zeit erhalten geblieben. Die Sprache allerdings ist romanisch und ähnelt mehr dem Portugiesischen als dem Spanischen.

Ich habe überlegt, ob dieser Artikel nicht besser „Frischling“ heißen sollte. Kurz nach Portomarin holt mich Billy Moon ein, ein Designer texanischen Ursprungs, der heute auf Bali lebt. Er fragt mich, ob es heute mein zweiter Tag sei. Auf meine Frage, wie er darauf käme, antwortet er: „You are looking so fresh.“ Er ist sichtlich erstaunt, dass heute bereits mein 103. Tag ist und ich in Deutschland gestartet bin.

Vor uns laufen die Massen. In meiner Erinnerung ist ein Volkswandertag, den ich aus meiner Schulzeit kenne, eine beschauliche Kleingruppenveranstaltung dagegen. In diesen Tagen erreichen circa 1.200 bis 1.500 Pilger Santiago – pro Tag! Im Sommer werden es mehr als doppelt so viele sein. Wer nachweislich mindestens die letzten 100 Kilometer nach Santiago zu Fuß zurücklegt, erhält die begehrte Compostela. Dabei ist es unerheblich, ob man sein gesamtes Gepäck selber trägt oder es transportieren lässt. Manche Pauschal-Light-Pilger werden auch von Versorgungsfahrzeugen begleitet, die alle paar Kilometer am Wegrand stehen, Verpflegung an die Gruppenmitglieder verteilen und diese abends in Hotels abseits des Jakobsweges kutschieren. Auch ganze Schulklassen sind auf dem Weg. Wenn direkt vor mir die 50 weiblichen Teenager aus Irland gleichzeitig in einer Bar einfallen, gehe ich besser weiter zur nächsten Verpflegungsstation.

In Portos, circa sechs Kilometer vor Palas de Rei, machen Hermine und ich ein letztes Mal Pause, jetzt mit Kaffee und Kuchen. Hermines Zehen schmerzen, und sie ist den Tränen nahe. Eine Spanierin bemerkt das Leiden und schenkt ihr eine Flasche mit wohltuendem Öl zum Einreiben der Füße. Wir sind ganz gerührt. Der restliche Weg zur Herberge Zendoira zieht sich mal wieder etwas, aber wir erreichen die Bleibe, als die ersten Regentropfen fallen. An einen Gang in die Stadt ist bei dem Gewitter auch mit Schirm nicht zu denken, also begnügen wir uns mit zwei Bocadillos und Rotwein zum Abendessen. Bei mir macht sich wieder dieses bekannte Gefühl vor Zwischenzielen breit: Einfach nur noch ankommen.

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