(100) Steiler Abstieg

  • Frank Derricks
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Montag, 21. April 2018: O Cebreiro – Triacastela (21,4 km)

Heute ist mein hundertster Tag auf dem Camino von Freudenstadt ans Ende der Welt. Nach einer erholsamen Nacht auf etwa 1.300 Metern wollen wir den Sonnenaufgang genießen, müssen aber feststellen, dass unser Stern hinter einem nahen Hügel aufgeht. Das Ereignis ist daher nicht so faszinierend wie erwartet, aber trotzdem schön. Wir frühstücken in einer Kellerbar und machen uns um Punkt acht Uhr auf den Jakobsweg.

Nach einem kleinen Anstieg auf 1.376 Meter führt der Weg wieder leicht bergab und verläuft dann mit geringen Höhenunterschieden und häufig neben der Straße über Liñares, Hospital zum Alto de Poio. Hier steht ein weiteres Pilgerdenkmal, und wir sind sehr dankbar, dass wir unsere Kopfbedeckungen nicht festhalten müssen wie der dargestellte Pilger. Das Wetter ist wieder herrlich. Auch die Wege sind gut zu gehen, manchmal etwas steinig. Die Ausblicke sind zu allen Seiten atemberaubend. Bewaldete Berghänge wechseln sich mit grünen Weiden ab und werden von heideartigen Flächen ergänzt. Warum fällt das im Urlaub so häufig auf, doch in ihrem Daheim sind viele Menschen blind für die Schönheit ihrer Heimat?

Es ist Zeit für eine erste Pause. Schon heute merken wir, dass die Zahl der Pilger erneut zugenommen hat. O Cebreiro ist gut mit dem Bus zu erreichen, und in Spanien sind Ferien. Von hier kann man Santiago in sechs bis sieben Tagen erreichen und daher startet so mancher Kurzpilger hier oben. Wir laufen weiter auf der Höhe, bis es nach dem Ort Fonfría die letzten fünf Kilometer steil bergab geht. Der Weg ist aber nicht so schlimm wie die Abstiege nach dem Cruz de Ferro oder nach dem „Camino duro“. Wir sind beide froh, als wir in der „Albergue A Horta de Abel“ in Triacastela ankommen. Ich verlasse das Haus nach dem Duschen wieder, um zu arbeiten und zu schreiben.

Als ich zurückkomme, hat Hermine Wäsche gewaschen (danke!) und sitzt im Garten. Die Herberge selber befindet sich in einem alten Steinhaus und ist schön, allerdings ist die Küche nur sehr dürftig ausgestattet. Es gibt weder Wasserkocher noch Tassen und neben einigen uralten Töpfen und Pfannen nur wenige Teller und Gläser. Wir werden also auch hier nicht kochen, sondern in einem Restaurant speisen. Wieder einmal läuft es auf ein Pilgermenü hinaus – ich habe gefühlt schon sämtliche Kombinationen von erstem und zweitem Gang durch. Diese Mahlzeit werde ich zuhause nicht vermissen.

Ein Gewitter hindert uns zunächst an einer frühen Rückkehr: Dicke Tropfen prasseln auf die Markisen und Sonnenschirme. Die Terrassen-Gäste flüchten ins Lokal, welches nun fast bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Dementsprechend ist der Geräuschlegel, und es fällt fast schwer, der Unterhaltung am eigenen Tisch zu folgen. Rundherum ein Stimmengewirr aus Spanisch, Portugiesisch, Englisch, Deutsch, Koreanisch und vereinzelt auch anderen Sprachen. Wir sind dankbar für einen guten Abstieg und freuen uns auf die vergleichsweise ruhige Herberge.

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