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Umleitung

(10) Umleitung auf dem Jakobsweg

  • Frank Derricks
  • Kurzinformation, Projekt, Tagebuch
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Donnerstag, 8. Februar 2018: Belfort – Villers-sur-Saulnot (27,8 km)

Gestern hatte ich einige Sachen gewaschen und kann heute in frische Klamotten schlüpfen. Ein Blick nach draußen lässt Kälte vermuten. In der Nacht hat es geschneit und es ist diesig grau. Die Herberge verlasse ich ohne ein Frühstück und statte zunächst dem Wahrzeichen der Stadt einen Besuch ab, verzichte jedoch, mich auf Streichelentfernung der überdimensionalen Großkatze zu nähern. Die schneebedeckten und vereisten Stufen muss ich mir nicht antun. Stattdessen suche und finde ich eine Bäckerei, wo ich frühstücken und mir ein Baguette für unterwegs kaufen kann.

Nach dem Frühstück überquere ich die Bahnstrecke und laufe durch ein hässliches Viertel mit Hochhäusern und anderen Plattenbauten aus den Siebzigern. Sieht nach sozialem Brennpunkt aus. Direkt danach hat man sozialen Wohnungsbau schon wesentlich attraktiver umgesetzt. Viele schlichte aber ansehnliche Mehrfamilienhäuser und auch einige kleine Ein- und Zweifamilienhäuser in einer neuen Siedlung. Alle Häuser sind, wie in Thann, in unterschiedlichen aber sich wiederholenden Farben gestrichen. Das verleiht dem Ensemble die Fröhlichkeit, die dem Brennpunkt fehlt.

Durch einen Park und entlang eines Kanals komme ich nach Essert, einem Vorort der Festungsstadt. Bergauf geht es durch den Wald. Zuvor entzünde ich in einer kleinen Kapelle noch zwei Kerzen. Es schneit noch immer leicht und außer Vogelgezwitscher und einem Specht, der an seinem neuen Heim arbeitet, ist nichts zu hören. Die Wege sind teilweise wieder sehr matschig aber ich erspare mir weitere Kommentare zum Zustand.

Kurz vor einem größeren Dorf, in dem ich vielleicht eine Rast hätte einlegen können, stehe ich vor dem Schild „Pflichtumleitung“. Also nix mit Rast im Dorf sondern der weiträumigen Umleitung folgen. Diese führt mich in der 10.000-Seelen-Ort Héricourt. Dort finde ich auch eine Bäckerei mit Café, die macht allerdings gerade zu: 12:30 Uhr am Donnerstag – kein Kommentar. Nach einigen Minuten finde ich dann wieder ein Bushäuschen mit einer Bank. Mittagspause mit Baguette (von gestern) und Wasser.

Jetzt führt der Weg neben einer Landstraße entlang, bis diese eine TGV-Trasse unterquert. Da ich mit meinem Abstecher nach Héricourt die ausgeschilderte Umleitung verlassen habe, laufe ich nach Karte und Nase und bleibe nördlich der Bahngleise auf einem Feldweg. Es ist nicht mehr weit bis zu einer anderen Landstraße, welche mich wieder auf den „rechten Weg“ bringt. Vorher kämpfe ich mich noch auf einem kaum sichtbaren Pfad durch Dornengestrüpp. Sehr bedächtig setze ich einen Fuß vor den anderen, um den Dornen auszuweichen und mir meine Hose nicht zu zerreißen.

Geschafft. Hinter dem Dörfchen Le Vernoy sehe ich das gelbe Muschelsymbol auf blauem Grund wieder. Über ein Stück Feldweg und dann wieder auf der Straße erreiche ich um kurz vor 16 Uhr meine Herberge. In der alten Schmiede werde ich sehr freundlich empfangen und trinke einen Kaffee. Wenig später kann ich den Bürgermeister des 150-Seelen-Dörfchens begrüßen und werde zum Rotwein eingeladen.

Daniel und seine Frau Colette betreiben die Herberge und vermieten auch Zimmer. Die Herbergsräume können derzeit nicht genutzt werden und so übernachte ich in einem der Zimmer in einem neueren Nebenhaus. Das Abendessen wird am offenen Feuer in der urigen Schmiede serviert. Der Salat mit Chicorée, Äpfeln und Walnüssen ist wie die Bratkartoffeln zum Kotelett köstlich. Dazu gibt es wieder Rotwein und ich unterhalte mich mit dem vollbärtigen Daniel über verschiedene Rinderrassen. Er spricht recht gut Deutsch, ein Glück für mich. Es ist bereits nach 10 Uhr, als ich mich auf den Weg in mein Zimmer mache.

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